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Ulrich Tukur singt und haut auch in die Tasten. Foto: t&w

Die Nacht ist bunt

Lüneburg. In Zeiten, als sich mancher freute, dass er das Fräulein Helen hat baden sehn, da wurden Lieder voller Ironie und Melancholie geschrieben, die lange verstaubten. Seit einigen Jahren sind sie wieder bühnenreif. Max Raabe ist der Originalklang-Vertreter, Götz Alsmann nennt seine Ausgrabungen Jazzschlager. Ulrich Tukur ist auch so ein Nostalgiker, entzieht sich aber mit seinen Rhythmus Boys allen Kategorien. Gut so, wie die schrägen Vier jetzt im voll besetzten Libeskind-Auditorium zeigten.

Das Licht tendiert zu Nachtblau, Vöglein zwitschern, und dann sind sie da, von Trommler Kalle Mews (1,54 Meter) bis Günther Märtens, der sich mit angeblichen 2,08 Meter auf Augenhöhe mit seinem Kontrabass befindet. Dazu Gitarrist Ulrich Mayer, stets mit durchfettetem Haar, und Ulrich Tukur, der sich schlau gemacht hat. Er witzelt auf Libeskind und zitiert den berühmtesten Lüneburger Komponisten: Johann Abraham Peter Schulz. Er schrieb die Melodie zum Claudius-Text „Der Mond ist aufgegangen“. Damit kommt Tukur beim aktuellen Programm der Combo an: „Grüß mir den Mond!“

Quatsch, Charme, Provokation

Tukur spielt, was ihm gefällt. Vieles kommt aus dem amerikanischen Jazz, von Duke Ellington bis Cole Porter, der bei einer nächtlichen Taxifahrt von Tukur die Inspiration zu „Night and Day“ erhielt. Schön gesponnen! Tukur ist ein guter Sänger, ein richtig guter Pianist und ein großartiger Schauspieler mit Spaß an Quatsch, Charme, Provokation und Klitterung. So erzählt er vom schlechten Schauspieler und angeblichen Mondfahrer Neil Armstrong, den Louis Armstrong und eine Isländerin zeugten, wobei sie einen Geysir zum Kochen brachten. Armstrongs Mondlandung wurde übrigens später von Billy Wilder in einem Studio gedreht, erzählt Verschwörungstheoretiker Tukur.

Ein bisschen Italien und Frankreich, aber viel Liedgut aus den deutschen 20ern, 30ern, 40ern kommt hinzu, von Peter Kreuders „Traummusik“ bis zu Gerhard Winklers „So wird‘s nie wieder sein“. Tukur, der mal schwäbelt, mal italienisch rattert, singt all diese Lieder mit dem typischen nasalen Schellack-Klang und dem rollendem „rrrr“.

„Etymologische Geschlechtlichkeit der Planeten“

Jeder in der Band bekommt sein Solo. Günter Märtens legt mit „Let‘s spend the Night together“ eine hinternwackelnde Mick-Jagger-Parodie auf die Bühne. Ulrich Mayer referiert über die „etymologische Geschlechtlichkeit der Planeten“, und Kalle Mews haut nicht nur ein krachendes Solo aus den Trommeln. Er wird auch zur Marionette und von Märtens durchgeschüttelt, dabei singen sie vom „fröhlichen Kakadu“.

Sie gassenhauern sich und das begeisterte Publikum in die Nacht. Am Ende aber steht instrumental, mit Möwengeschrei, knarrenden Planken und Dampfertuten dekoriert ein leises, tief empfundenes „La Paloma“ – „einmal muss es vorbei sein …“

Von Hans-Martin Koch

Weitere Festival-Konzerte

Kuba und Kantaten

Zwei Jahre nach Beginn des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) wurde Lüneburg 1988 in den Spielplan aufgenommen. Daran erinnerte Oberbürgermeister Ulrich Mädge bei seiner Begrüßung. Tukur & Die Rhythmus Boys spielten in diesem Sommer das erste von drei SHMF-Konzerten in der Stadt. Und es geht extrem hochklassig weiter: Am 18. Juli führen Ton Koopman, Amsterdam Baroque und Solisten drei Bach-Kantaten in St. Michaelis auf, und am 15. August bieten Pianist Omar Sosa und die NDR-Bigband eine afrokubanische Nacht.