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Hauptdarsteller Dennis Mojen und Regisseur Martin Schreier stellten sich den Fragen des Publikums. Foto: t&w

„Traumfabrik“ in Lüneburg

Lüneburg. Kleindarsteller verknallt sich in Tanzdouble. Das kann passieren, erregt kaum ein Gemüt. Diese Geschichte aber ist trotzdem ungewöhnlich. Erich, der j ust ausgediente NVA-Offizier, lernt als Komparse in den Babelsberger DEFA-Studios im Sommer 1961 die junge Französin Milou kennen. Ein amouröser Funke springt über, für den nächsten Tag steht ein Wiedersehen auf dem Programm. Doch es kommt anders: Dem Gast bleibt die Einreise von West-Berlin in die DDR-Ateliers verwehrt, weil der Schlagbaum des Kalten Krieges am 13. August gnadenlos zwischen ihre keimende Liebe knallt.

„Traumfabrik“ heißt das Resultat von wahrer Begebenheit und Fiktion, gedreht in den berühmten Werkstätten vor den Toren Berlins. Zwei Tage nach der Uraufführung erlebte der Streifen im Lüneburger Filmpalast seine Premiere, Regisseur Martin Schreier und Hauptdarsteller Dennis Mojen stellten sich den Fragen der Zuschauer und der Landeszeitung. Emilia Schüle alias Milou musste kurzfristig wegen eines Drehtermins absagen.

Immer schon von einem Liebesfilm geträumt

„Wir sind beide unverbesserliche Romantiker“, verrät Martin Schreier im Gespräch mit der Landeszeitung und bezieht Dennis Mojen gleich mit ein. Der 26-Jährige nickt. Ein wenig verwunderlich, denn bisher kannte ihn das deutsche Fernseh-Publikum vor allem als Mörder, Dealer, Kleinkriminellen oder an Schizophrenie erkrankten Menschen. „Nach den vielen Figuren an der Kante wollte ich unbedingt einen positiven, optimistischen Charakter spielen, der Hoffnung ausstrahlt, Mut und an die Kraft der Gefühle glaubt“, äußert der sympathisch bodenständige Darsteller.

Das gelang ihm überzeugend. Von der Unmöglichkeit des Wiedersehens lässt sich Emil nicht unterkriegen. Inkognito mutiert er zum Produzenten, schafft es mit verwegenen Tricks in den Wirren des Mauerbaus ein monumentales „Kleopatra“-Projekt bei der DDR-Filmgesellschaft aus dem Boden zu stampfen und Milou von der Seine zurück nach Babelsberg zu holen.

Kitsch und große Bilder

„Mir schwebte immer schon ein richtiger Liebesfilm vor“, bekennt der Regisseur. Sein Werk scheut weder Kitsch noch große Bilder, erinnert an die cineastisch opulenten Bilderfluten der 40er- und 50er-Jahre. „Traumfabrik“ zieht jedoch weitere Kreise. Es ist eine höchst amüsante Köpenickiade im Komödien-Format mit einem tolldreisten Emil, der in seiner perfekten Verkleidung gleich das gesamte Regime der Lächerlichkeit preisgibt. Insofern wird ebenfalls raffiniert Satire eingestreut. Der gesamte Film spaziert auf leichtfüßig leisen Sohlen in beinahe französischer Manier durch den unter anderem mit Nikolai Kinsky und Heiner Lauterbach exzellent besetzten Plot. Zielt der Titel auf die tonnenschwere UFA-Geschichte der Studios, kockettiert er mit Hollywood, will er ironisch auf die Absicht der DEFA hinweisen Weltklasse-Filme aus der DDR zu produzieren oder lediglich ein modernes Märchen auffächern? „Von allem etwas“, konstatiert Schreier, der 2010 für den Studenten-Oscar nominiert war.

Drei Jahre vergingen vom Drehbuchschreiben bis zum Schnitt, das Budget fiel mit acht Millionen Euro für deutsche Verhältnisse recht hoch aus. Nun muss die Kino-Kasse klingeln. In Lüneburg zeigten sich die Besucher ziemlich angetan von Ausstattung, Technik und Cast. „Mir gefiel an Emil besonders, wie augenzwinkernd und zugleich hartnäckig er sein Ziel verfolgt“, berichtet Dennis Mojen, der gerade als Boxer sein nächstes Film-Abenteuer besteht.

Akzent gegen die Oberflächlichkeit setzen

Damit er „Traumfabrik“ quer durch die Republik promoten kann, schaute er sich die Love-Story noch einmal an. „Ich bin stolz darauf“, sagt er mit Nachdruck. Auf Hollywood schaut er, hofft eines Tages dort sein Talent unter Beweis zu stellen, irgendwann möchte er sich auf die Theaterbühne wagen. Einstweilen freut er sich über seine erste wichtige Kinohauptrolle: „Das ist die Königsklasse.“

„Traumfabrik“ will einen Akzent gegen die Wegwerfmentalität und Oberflächlichkeit der Internet-Gesellschaft platzieren. Hier wird um wahre Liebe noch gekämpft, und der Partner nicht per Klick bei der ersten Krise aus dem Leben entsorgt. Darum geht es Schreier und Mojen explizit: „In politisch wirren Zeiten erkennen wir eine Sehnsucht nach Nostalgie, echter Leidenschaft, sich subtil entwickelnden Beziehungen und ein Verlangen nach Heiterkeit, ohne die ewige Keule sozialkritischer Gegenwartsdramen zu schwingen.“

Einige der bisher veröffentlichten Kritiken gehen mit dem Film und seinen Machern harsch zu Gericht. Die internationale Verbreitung beeinflusst das allerdings wenig. Schon 15 Länder kauften die Rechte an „Traumfabrik“, in vier Wochen ist beispielsweise die chinesische Erstaufführung. „Zum Schwärmen schön, wunderbare Unterhaltung“, resümmierte eine Lüneburger Zuschauerin begeistert. Solche Kommentare beflügeln Martin Schreier und Dennis Mojen, bestätigen ihr Engagement für einen narrativen Stil, der hierzulande noch wenig erprobt ist.

Heinz-Jürgen Rickert