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Bass Jurij Kruglov spielt den hebräischen Hohepriester Zaccharias. Foto: T. Weber

Klassik-Genuss Open Air

Lüneburg. Nur noch wenige Tage, dann rollen sie an, die Trucks, die den Lüneburger Marktplatz in eine Konzertarena verwandeln. Denn am nächsten Sonntag steht ein Open-Air-Erlebnis der besonderen Art an: die Verdi-Oper Nabucco. Das Ensemble der Festspieloper Prag tourt durch Europa und macht auch an der Ilmenau Station. Um 19 Uhr beginnt die Vorstellung, an der rund 100 Sänger, Tänzer und Musiker mitwirken werden.

„Nabucco“ war Guiseppe Verdis dritte Oper. Als sie 1842 an der Mailänder Scala ihre Uraufführung erlebte, wurde sie zwar gefeiert, aber niemand ahnte, dass dieses Musikstück einmal zu den beliebtesten Werken der Opernwelt gehören würde. Insbesondere der Gefangenenchor im dritten Akt mit der berühmen Textzeile „Va, pensiero, sull‘ali dorate“ (Flieg‘ Gedanke auf goldenen Schwingen“) gilt als Höhepunkt des Meisterwerks und ist auch den meisten „Opern-Greenhorns“ ein Begriff.

Es geht um Macht, Liebe, Intrige, Hass und Rachsucht

Grundlage des Musikwerks ist das Libretto des Italieners Temistocle Solera (1816-1878). Die Oper bringt mit einer Geschichte aus dem Alten Testament große Gefühle auf die Bühne. Die Handlung besteht aus vier Akten und basiert auf Legenden um Nabucco alias Nebukadnezar II., König von Babylon von 605 bis 562 vor Christus. Auf ihn gehen die Hängenden Gärten und der Turmbau zu Babel zurück. In der Oper geht es um die Eroberung Jerusalems und die Gefangennahme des jüdischen Volkes und dessen Streben nach Freiheit sowie um Nabucco, der sich selbst zum Gott machen will und daraufhin mit Wahnsinn bestraft wird. Erst durch die Bekehrung zum Gott der Hebräer wird er geheilt. Eine Prise Liebe und Intrige, Hass, Rachsucht sowie eine Geiselnahme und Erpressung sorgen für Spannung und Dramatik.

Die Premiere 1842 war ein Sensationserfolg und verhalf Verdi zum Durchbruch auf dem Komponistenfeld. Damals bezogen die Italiener das Schicksal der Hebräer auf ihre eigene Situation und machten den Chorgesang zu ihrer heimlichen Nationalhymne. Denn die Hebräer, die in Babylonien gefangen sind, beweinen ihr fernes Heimatland und rufen Gott um Hilfe.

Das dramatische Spiel wird in Originalsprache inszeniert. „Italienisch ist nun mal die Sprache der Oper, des Gesangs – einfach die Sprache der Musik“, argumentiert Melinda Thompson, die die künstlerische Leitung innehat. Es gehe sehr viel an Musik und Verständnis verloren, wenn man die Texte in eine andere Sprache transponieren würde, erklärt sie. Denn der Komponist habe schließlich den Zusammenhang seiner Musik und seiner Sprache in Einklang gebracht.

Wenn der Tourbus im Stau stecken bleibt …

Ein Musikerlebis unter freiem Himmel ist immer etwas Besonderes. Die lockere Atmosphäre, das schöne Ambiente, der – hoffentlich – laue Sommerabend und die eingängige Musik – all das begeistere selbst diejenigen, die keine eingefleischten Opernfans sind, ist sich Thompson sicher. Für das Unternehmen ist die Tournee auch eine logistische Herausforderung. Bühne, Orchesterzelt, Kostüme, Umkleidekabinen, Zäune, Stühle – all das füllt drei Sattelschlepper. Die Crew müsse sich immer wieder auf neue Gegebenheiten und die Möglichkeiten vor Ort einstellen. Die Künstler reisen in Bussen an. Und das könne aufgrund von Staus zu brenzligen Situationen führen: „Es ist schon öfter vorgekommen, dass die Zeit so knapp wurde, dass ihnen nichts anderes übrigblieb als sich schon im Bus zu schminken“, berichtet Thompson.

„Das Publikum saß schon erwartungsvoll auf seinen Plätzen, da erst kamen unsere Künstler an. In Windeseile sprangen sie in die Kostüme, das Orchester stimmte die Instrumente ein und alle legten los!“ Das Ensemble unter der Regie von Oldrich Kriz und der musikalischen Leitung von Martin Doubravský ist seit Jahren mit Opern von Nabucco bis Zauberflöte unterwegs und will Perlen der Klassik auch in kleinere Orte bringen. Das Thema Freiheit und Unabhängigkeit verleiht „Nabucco“ vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise eine gewisse Aktualität, obwohl das Stück schon bald 200 Jahre alt ist.

Von Dietlinde Terjung