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Jurij Kruglov singt den Hohepriester, der dem Volk der Hebräer Mut macht. Foto: phs

Open air ist alles anders

Lüneburg. Zwei kleine angejahrte Säulen, ein Mikro für den Chor, Stellwände mit Ornamenten und einige felsfarbene Quader, mehr Bühnenbild zeigt sich nicht und braucht es nicht, um in rund zwei Stunden große Oper open air aufzuführen. Verdis „Nabucco“ auf dem Lüneburger Marktplatz, das reizte rund 1000 Besucher. Sie erlebten eine logistische Punktlandung – und künstlerisch keine Bruchlandung.

Als Festspieloper Prag tourt ein Tross von rund hundert Frauen und Männern seit Jahrzehnten allsommerlich durchs Land. Sie bringen Opernhits meist dorthin, wo das Genre sonst nicht zu erleben ist. Das trifft auf Lüneburg zwar nicht zu, hier ist Oper von „Rosenkavalier“ bis zum „Fliegenden Holländer“ zum halben Festspieloper-Preis zu erleben, und „Nabucco“ steht auch nebenan in der Staatsoper Hamburg auf dem Plan. Aber open air ist alles anders, das lockt.

Alles aufs Nötige reduziert

Über Celle und Varel kamen die Prager nach Lüneburg. Mittags starteten sie den Aufbau von Bühnen-, Orchester- und Backstagezelten. Bei so kurzer Zeit, um ein Ereignis zu schaffen, muss alles aufs Nötige reduziert sein. Das schlägt sich aufs Bühnenbild nieder, es passt aber ideal zu der Inszenierung von Oldřich Kříž; der 59-Jährige ist auch in einer kleineren Schurkenpartie auf der Bühne zu sehen. Inszenierung ist allerdings fast zu viel gesagt. Die Festspieloper bietet Oper pur, gesungen wird fast durchweg frontal ins Publikum, alles Szenische wird aufs Knappste gerafft. Oft läuft die seit Jahren erfolgreiche Produktion als bunt kostümierte Nummernfolge ab. Entscheidend ist die Musik, und da geht es zur Sache.

Es stehen ausgebuffte Profis auf der Bühne, sie haben ihre Partien seit gefühlten Ewigkeiten im Griff. Zugute kommt ihnen, dass ihre Stimmen verstärkt werden. Das ist bei Open-Air-Auftritten nötig, zumal das eine und andere Motorrad um den Marktplatz knattert.

Verdis lauteste Oper

„Nabucco“ wird gelegentlich als Verdis lauteste Oper bezeichnet, entsprechend gibt das Team Vollgas. Gesungen wird auf Italienisch, das Programmheft hilft „Nabucco“-Neulingen, die Handlung zu verstehen. Zentrale Figur im Spiel um Politik, Unterdrückung, Tod, Liebe, Eifersucht, Verrat und Machtgier ist Abigaille, die als uneheliches Kind Nabuccos um jeden Preis auf dessen Thron will.

Anna Todorová hat als Abigaille die vielen hohen C‘s parat, ihre Partie fordert alle Kraft. Mehr Seele hineingeben kann Šárka Hrbáčková als Nabuccos eheliche Tochter Fenena. Beide Frauen vereint Feindschaft – und die Liebe zu Ismaele (Josef Moravec), der die von den Hebräern als Geisel genommene Fenena bewacht.

Berühmtester aller Verdi-Chöre

Fenena wird wie das unterdrückte Volk der Hebräer von den Babyloniern zum Tode verurteilt. Aber es kommt ja bekanntlich anders: Babylon-König Nabucco, zeitweise vom Blitz getroffen und verwirrt, kommt in letzter Sekunde zur Vernunft und räumt ruckzuck auf. Nikolaj Nekrassov singt den Nabucco wie Jurij Kruglov den Hohepriester Zaccharias mit Stentorstimme, das braust gewaltig und eindringlich. Schade nur, dass die eher einfache, immerhin fast fehlerfrei funktionierende Tonanlage den Klang eher nivelliert als differenziert. Aber auch das ist open air eben anders als in einem Opernhaus zu sehen.

Zentrales Stück der Oper ist der berühmte Chor „Va, pensiero“. Ihm haucht Dirigent Martin Doubravský viel Seele ein. Der berühmteste aller Verdi-Chöre wird nach dem Schlussapplaus wiederholt und schickt ein spätestens jetzt weitgehend begeistertes Publikum heim.

Von Hans-Martin Koch