Aktuell
Home | Kultur Lokal | Raus aus der Komfortzone
Sarah Maria Sun und das Kuss Quartett eröffneten die 74. Sommerlichen Musiktage. Foto: Kay-Christian Heine

Raus aus der Komfortzone

Hitzacker. Es ist der denkbar schönste Blick, der von der Terrasse des Verdo über die Elbe weit nach drüben streift. Nicht zu fassen, dass mitten durch den Fluss eine Grenze lief, die Andersdenkenden den Tod verhieß. 30 Jahre nach dem Ende des Horrors stehen die Sommerlichen Musiktage nun unter dem Motto „Grenzenlos“. Mit Mottos ist es zwar immer so eine Sache, oft sind sie an Belanglosigkeit nicht zu toppen. Hier aber passt es. Und Musik zum Thema tischt Intendant Oliver Wille reichlich auf.

Meister überwinden Konventionen

An der Spitze des Trägervereins der Sommerlichen Musiktage steht seit 2016 Dr. Christian Strehk. „Alle wirklichen Meisterwerke der Musik überwinden Konventionen“, sagt der Musikwissenschaftler und Journalist zum Auftakt. Wie der Aufbruch aus einer behäbig machenden Komfortzone das Hören und das Denken befreit, das stand bei den Sommerlichen Musiktage immer im Fokus und bei der nun laufenden 74. Ausgabe ganz besonders.

Einer, der dafür zeitlebens sorgt, war 1988 beim künstlerischen Leiter Wolfgang Boettcher Residenzkomponist in Hitzacker. Nun hörte Aribert Reimann zu, als das Kuss Quartett und Sopranistin Sarah Maria Sun ein Werk spielten, das der heute 83-Jährige für das Ensemble geschrieben hat.

„Die schönen Augen der Frühlingsnacht“ komponierte Theodor Kirchner nach Gedichten von Heinrich Heine. Reimann greift das Werk auf und erweitert es um „Bagatellen“, die auf nur sehr abstrakte Weise Bezug auf die Vorlage nehmen. Ihn habe die formale Strenge der Kirchner-Lieder fasziniert, sagte Reimann.

Ausdruck für persönliche Krisen

Das Kuss Quartett schärft den Kontrast zwischen dem romantischen Lied des nahezu vergessenen Kirchner und den konzentrierten Bagatellen, die auf engem Raum eine Fülle an Klangräumen öffnen. Gespickt mit technischen Tücken führen sie in ätherische Höhen und schroffe Abstürze.

Dass Sarah Maria Sun mit der Dramatik und Tiefe der Lieder keine Mühe haben wird, war schon klar, nachdem sie den Abend mit einem atemberaubenden Solo eröffnete, Reimanns „Ollea“ aus dem Jahr 2006, auch hier legen Heine-Verse den Grund. Die Sopranistin führte einen atemberaubenden Ritt durch alle Lagen vor, meisterte extreme Anforderungen.

Oliver Wille und sein Kuss Quartett bieten zum Auftakt keinen Mozart, keinen Haydn. Sie fordern auch nach der Pause her-aus und finden ein aufgeschlossenes Publikum, nun für Arnold Schönbergs zweites Streichquartett. Schönberg nutzt die Künstlern gegebene Möglichkeit, einen Ausdruck für persönliche Krisen zu finden, hier ist es eine Trennung. Sie führt unter anderem zu einem galligen Humor, wenn im zweiten Satz „O du lieber Augustin, alles ist hin“ erklingt.

Auflösung der Tonalität

Spannender ist das Werk indes, weil es zeigt, wie sich Grenzen auflösen, von der Spätromantik hin zur Auflösung der Tonalität. Das Quartett führt mit durchgängigem Elan vor, wie sich die Instrumentalstimmen voneinander zu lösen beginnen. Die großartige Sarah Maria Sun steigt im zweiten Teil ein, mit expressivem Ausdruck für Verse von Stefan George. Der Beifall ist groß und als Zugabe gibt es auch keinen Ton aus alten Tagen, sondern John Cage.

Von Hans-Martin Koch