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Das erfolgreichste Stück der vergangenen Saison war „Wir snd die Neuen“ – hier eine Szene mit Kerstin Hilbig, Christoph Finger, Matthias Herrmann (v.l.). Foto: Theater

Gute Zahlen helfen nicht

Lüneburg. Die vielleicht wichtigste Zahl ist ziemlich prickelnd: 113.361 Besucher sahen in der Spielzeit 2018/19 Vorstellungen des Theaters Lüneburg. Das sind noch einmal gut 1000 mehr als im Vorjahr, zuletzt gab es 1992 so viele Zuschauer. Schaut man genauer in die Statistik, findet sich aber auch Wasser im Schampus. Zu finden ist es vor allem bei Teilergebnissen im Großen Haus. Aber auch dort krabbelt unterm Strich eine wichtige Zahl aufwärts. Sie kennzeichnet die Platzauslastung und liegt nun bei 82,1 Prozent gegenüber 81,4 Prozent zuvor. Das ist bundesweit ein Top-Wert.

Oper und Ballett in einem stabilen Hoch

Zahlen sind am Theater Sache von Volker Degen-Feldmann. Der Geschäftsführer listet minutiös auf, was wie lief, ob im Großen Haus, im T.NT-Studio, im Kinder- und Jugendtheater T.3, bei Abstechern, Gastspielen, Matineen oder weiteren Extras. Zahlen sagen wenig aus über Qualität: Ein mutiges Programm birgt Risiken an der Kasse. Ein „Best Of“ macht das Haus voll, aber es kann nicht immer „Carmen“ gespielt werden. Der Opernhit brachte es 2017/18 auf 92,2 Prozent verkaufte Plätze, „Figaro“ auf 90,4. Nun, 2018/19, lauteten die Werte 82,8 für den „Rosenkavalier“, 76,4 für „La Bohème“.

In einem stabilen Hoch befindet sich wie im Vorjahr das Ballett. Beim Schauspiel waren die Vorjahreswerte allerdings wie bei der Oper und auch beim Musical besser. Das erfolgreichste Schauspiel war „Wir sind die Neuen“ mit 92,8 Prozent Auslastung, unten stehen „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (64,0) und „Bunbury“ (64,2).

Im Januar und Februar stark gefragt

Das Plus in der Gesamtbesucherzahl wurde im T.NT erzielt, mit 21 Vorstellungen mehr. Die Top drei sind schon länger Entertainment-Bestseller: „Das kleine Weihnachtsspektakel“ (99,0), „Struwwelpeter“ (95,6) und „Lulu Mimeuse“ (95,5). Ebenfalls ins Plus schob die Gesamtzahl eine Sonderproduktion: Zu „Jephtha“ in der Michaeliskirche kamen 1436 Interessierte.

Den Spitzenwert von 100,00 Prozent Auslastung erreichte eine Produktion im T.3, die Wiederaufnahm des Kinderballetts „Schneewittchen“, dicht gefolgt von „Peter Pan“ (99,5) und dem „kleinen Horrorladen“ (99,1). Ausreißer nach unten war das Musiktheaterstück „Gold!“ (47,6).

Aber all diese – und noch viel mehr – Zahlen sind unter etlichen Aspekten zu betrachten. Zum Beispiel: Wann lief das Stück? Im Januar und Februar ist das Theater traditionell stark gefragt. Rund um die Herbstferien aber und zum Ende der Saison, zumal wenn das Wetter warm wird, steht ein Theaterbesuch nicht ganz so im Fokus.

Der Blick über den Tellerrand

Um den Stellenwert, die Akzeptanz und die Wirtschaftlichkeit des Lüneburger Theaters zu bewerten, lohnt der Blick über den Tellerrand. Gießen und Weimar sind wie Lüneburg Städte mit weniger als 100.000 Einwohnern und einem Drei-Sparten-Theater. Die Vergleichsdaten stammen aus der Saison 2016/17, der Deutsche Bühnenverein hängt mit seiner Statistik immer etwas hinterher. Nur eine Zahl von vielen, nämlich der Zuschuss, der pro Zuschauer fließt: Das sind in Lüneburg 62,56 Euro, in Gießen 144,06 Euro und in Weimar 206,53 Euro.

Die Staatstheater in Niedersachsen rechnen mit 135,19 Euro (Oldenburg) Zuschuss pro Besucher, mit 154,49 Euro (Braunschweig) und 155,83 Euro (Hannover): Bessere Zahlen als die Lüneburger liefern Celle (47,58) und Wilhelmshaven (45,04), aber dort schlägt kein Orchester zu Buche.

Es gibt also gute Gründe für Zufriedenheit am Theater Lüneburg. Und doch sind die Aussichten finster. Nicht so sehr, weil zurzeit eine neue, 450.000 Euro kostende Feuerlöschanlage nur über ein Darlehen zu finanzieren ist. Bedroht ist die Liquidität des Theaters grundsätzlich, weil die – zwar gestiegene – Unterstützung des Landes nicht die Lücken schließt, mit denen die kommunalen Theater zu kämpfen haben. Gerungen wird darum, wer das Geld für Tarifsteigerungen aufbringt. Nach jetzigem Stand kommen Kosten in sechsstelliger Höhe aufs Theater zu. Und das nicht nur einmal.

Von Hans-Martin Koch