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Sängerin Kate Nash, hier mit Bassistin Emma Hughes, begeisterte das Publikum. (Foto: t&w)

Stimmt die Mischung?

Westergellersen/Luhmühlen. Zwei Dinge sind entscheidend für den Erfolg eines Festivals. Die Marke und das Line-up. Gelingt es, dass Menschen kommen, weil A Summer‘s Tale ist, fast egal, wer spielt? Gerade bei den vielen jungen Familien, die von weiterher anreisen, ist das wohl der Fall. Das Line-up listet die Musiker auf, die auftreten, die Stars, die Geheimtipps, die Newcomer. Das Line-up ist vor allem für das täglich zum Festival pendelnde Publikum zwischen Elbe und Heide relevant. Stimmt die Mischung bei A Summer‘s Tale?

Bands und Künstler, die in den 90ern groß wurden, prägen passend zum Junge-Familien-Zielpublikum weite Teile des Programms. Das Festival setzt zudem nicht auf die ganz fetten Namen. Sie passen zum einen nicht ins Budget und würden den Charakter, eben kein Mainstream-Festival zu sein, verändern. A Summer‘s Tale gibt, auch das ist Programm, vielen Künstlern Raum, die nicht nur über Liebe singen, sondern die sich Gedanken über den Zustand der Welt machen. Dazu gehören Liedermacher wie Meadows, Tom Klose und Enno Bunger, der sich ein Festivalticket gekauft hatte, bevor er als Künstler gebucht wurde.

Von Balkan-Beats bis Deutsch-Pop

Setzte am Freitag die Dänin Tina Dico die Zeichen, so geht es am Sonnabend, Tag drei, einmal um die ganze Welt, beginnend mit Balkan-Beats. Es ist das maximal betanzte Konzert, das Shantel & Bucovina Orkestar schon am Nachmittag abbrennen: „Disko Partizani“ mit treibendem Offbeat. Die Band spielt auch das Partisanenlied „Bella Ciao“, denn: „Da draußen werden ein paar Arschlöcher immer lauter, wir müssen dagegen halten.“

Vom Balkan geht es nach Las Vegas mit Lee Fields, einem Soul-Crooner alter Schule in türkisfarbenem Glitzersakko. Die Stimme des 68-Jährigen trägt noch, zum Ende röhrt er wie einst James Brown. Der Auftritt fällt komplett aus dem Rahmen. Aber das ist das Gute an diesem Festival: Es überrascht.

Auf der kleineren Waldbühne zeigt Mine, dass deutscher Pop intelligent, experimentierfreudig und spannend sein kann, fern vom Poisel-Forster-Einheitsbrei. Auch Mine blickt auf den Zustand der Welt und mahnt: „Es ist wichtig, dass wir wissen, dass wir privilegiert sind.“ Textlich einen Schritt weiter geht der Schweizer Faber, der die Selbstgerechtigkeit der Besserwissenden provoziert, seine Musik stilistisch springen lässt, Cello, Posaune und mehr einsetzt.

Zaz zeigt sich von ihrer rockigen Seite

Nächster Stopp: Down Under. Xavier Rudd aus Australien bringt Roots und Reggae zusammen, zum Didgeridoo wird die Fahne der Aborigines geschwenkt. Es kommt ein bisschen Woodstock-Feeling auf, mit Love und Peace und Happiness, aber nicht so klischeehaft, wie es geschrieben klingt. Tatsächlich ist es eines der besten Konzerte des Festivals. Dagegen klotzen auf der Waldbühne die Goldenen Zitronen altgedienten Polit-Avantgarde-Punk vom Hamburger Kiez. Irgendwie auch schon oldfashioned, aber mit hohem Originell-Faktor.

Zum Finale am Sonnabend der Top-Act des ganzen Festivals: ZAZ, zum zweiten Mal bei A Summer‘s Tale. 2015 setzte sie auf Bigband-Stil. Nun rockt sie. Zwei starke Gitarristen sind dabei, und ZAZ, die auch mal mit dem Theremin Klangwolken zaubert, sprintet bestgelaunt durch Chanson, Sinti-Jazz, Latin-Rhythmen und Rock. Dazu gibt es eine faszinierende Lightshow. Es ist rappelvoll vor der Bühne, die Stimmung großartig. ZAZ schiebt immer einen Part ein, in dem eine Initiative ihre Arbeit vorstellen darf. Hier ist es „Die Arche“ aus Hamburg, die Kindern aus prekären Verhältnissen Wege zur Chancengerechtigkeit öffnet.

So mitreißend der ZAZ-Auftritt war, ein Foto von der Künstlerin zeigen wir nicht. Das ZAZ-Management verlangt zu bestimmen, welches Foto erscheint. Zensur? Nein danke!

Finale mit Britpop, Funk und Punk

Sonntag liest Heinz Strunk auf der Waldbühne, verbreitet dort Mogli mit ätherischen Songs Fernweh. Briten beherrschen am Finaltag die große Bühne. The Charlatans mit eingängigem Britpop, Kate Nash reißt mit ihrem Pop und Punk verbindenden Rock das Publikum mit.

Michael Kiwanuka zeigt wenig später, dass er zu Recht als einer der besten Soulsänger gilt, und mit den Indie-Rockern Elbow geht das besondere Festival sanft, rockig und auch hymnisch zu Ende.

Stimmte die Mischung? Die Antwort kann nur subjektiv sein. Also: ja.

Von Hans-Martin Koch