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Der Bildhauer Thomas Recker präsentiert Zeitgenossen in schwierigen Situationen. Foto: ff

Alles passiert gleichzeitig

Scharnebeck. Schön wäre es, wenn man – als Mensch im Allgemeinen und als Künstler im Besonderen – die Eindrücke aus seiner Umwelt schön der Reihe nach aufnehmen und verarbeiten könnte. „Aber es passiert ja alles gleichzeitig“, sagt Thomas Recker, „das ist, als wenn man ein Haus von außen betrachtet, in dem alle Zimmer beleuchtet sind. Also bin ich in das Haus gegangen, und habe ein Zimmer nach dem anderen betreten.“ Diesem Gedankenmodell folgend, hat der Bremer Maler und Bildhauer eine Reihe von Serien entwickelt, um Ideen und Informationen in den Griff zu bekommen. Jetzt stellt sich Thomas Recker in der Galerie Kulturboden vor. Vernissage: Sonnabend, 10. August, 16 Uhr.

Herantasten an die Ausdrucksformen

Es ist ein behutsames Herantasten an die verschiedenen Ausdrucksformen. „Mir geht es darum, wie die Menschen miteinander umgehen, und was daraus entsteht“, sagt Thomas Recker. Da gibt es eine Reihe von kleinformatigen Skizzen – Alltagsszenen, die sich bei genauerem Hinschauen als Grotesken erweisen: Eine Frau gießt das Blumendekor ihrer Bettwäsche, anderswo steht ein Mann mit einem Einkaufswagen im Supermarkt, schaut seiner Frau beim Aussuchen zu und beklagt sich, dass sie ihn „zu einer Mickey Mouse“ gemacht habe. Tatsächlich trägt er schwarze Mäuseohren am Kopf. Alle Skizzen sind mit Datum und Uhrzeit versehen, was ihnen den Anschein von Wahrhaftigkeit und Authentizität verleiht.

Aufwändiger sind Collagen, in denen Thomas Recker das verarbeitet, was er so aus den Massenmedien erfährt – Gedankenfetzen, die sich wie Puzzleteile zusammenfügen, ohne wirklich ineinander zu passen. Meistens geht es um Krieg, religiösen Wahn und Flüchtlingselend. Sandkasten-Operationen der Militärs, die ihre Strategien wie ein Gesellschaftsspiel betreiben. Ein Mann mit Sprengstoffgürtel träumt von Eroberungen auf Erden und von den dann bereitstehenden Jungfrauen im Himmel, die Arbeiten heißen etwa „Zu viel Wasser, zu wenig Wasser“ (über Boots-Flüchtlinge und Badetouristen) und „Von den Geheimnissen der Kirche“, da geht es um Missbrauch.

Ein Zirkuselefant will nach Afrika fliegen

Es gibt auch Gemälde, die zusammen mit Texten kleine groteske Dramen ergeben, da lässt sich Thomas Recker durchaus den Vergleich mit Joachim Ringelnatz gefallen. Zu sehen ist etwa ein Zirkuselefant, der versucht, mit einer waghalsigen Turnübung, mit einem gewaltigen Aufschwung zurück nach Afrika zu fliegen, in das Land seiner glücklichen Kindheit. Aber ach, er fliegt nur durch das Schaufenster eines Reisebüros, landet neben dem Plakat „Willkommen in Afrika!“. Nun gut, es war den Versuch wert, sein Zirkuswärter holt ihn wieder zurück, zu feiern ist immerhin ein Jubiläum, „es war sein hundertster Versuch!“

Am augenfälligsten sind kleine Holzskulpturen – Menschen in alltäglichen und absonderlichen Situationen. „Der Bezeichner“ will etwas beschreiben und fuchtelt doch nur mit dem Fragment eines Zeigestocks herum. „Der Kanalschwimmer“ trägt schon Badehose, verzichtet dann aber auf den riskanten Seeweg von England nach Frankreich, und legt die Strecke lieber im Freibad zurück. Dafür hält er symbolhaft das Ende einer langen Absperrleine in der Hand.
Vieles also ist humoristisch, sarkastisch, „die einzige Möglichkeit, diese Welt auszuhalten“, sagt Thomas Recker. Seine Programme und Arbeitszyklen verfolgt er seit vielen Jahren, die gezeigten Werke sind aber fast alle neu. Der leise, freundliche Künstler, Jahrgang 1946, studierte Bildhauerei, unterrichtete an der Hochschule in Bremen und betreibt seit 1998 ein Planungsbüro für die Entwicklung und Betreuung künstlerischer Konzepte im öffentlichen Raum. Er ist mit seinen Arbeiten im In- und Ausland präsent, 1978 erhielt er den Förderpreis Bremens.

Auf der Vernissage am Sonnabend begrüßt Bürgermeister Hans-Georg Führinger die Gäste, Kurator Anton Bröring spricht zur Einführung. Die Ausstellung „Alles passiert gleichzeitig…?“ läuft bis 31. August, freitags 16 bis 18 Uhr, sonnabends 15 bis 17 Uhr, sonntags 11 bis 13 Uhr.

Von Frank Füllgrabe