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Zuzana Ružicková (1927-2017). Foto: Chrapek

Musik als Hilfe zum Überleben

Lüneburg. Die zierliche Frau, die sich ans Cembalo setzt, sich versenkt in die Musik von Johann Sebastian Bach, die ihren eigenen Weg findet und das Publikum in ihren Bann und Sog zieht, die Ernst und Wärme vermittelt, diese Frau hat die Hölle erlitten. Zuzana Růžičková hat nach 1945 als Musikerin eine Weltkarriere gemacht, spielte auch in Lüneburg. Als Kind und Jugendliche wurde sie nach Theresienstadt deportiert, nach Auschwitz, Neuengamme und nach Bergen-Belsen, der „Hölle aller Höllen“. Die „Lebensfuge“, der Bericht ihres Lebens, klingt im Leser lange und tief nach.

Die 1927 in Pilsen geborene, in Wohlstand aufgewachsene jüdische Musikerin hat wiederholt der Lüneburger Bachwoche großartige, an Intensität kaum zu überbietende Abende geschenkt. Dass sie Jahrzehnte später den Weg in die Nähe der Orte nahm, an denen sie Unvorstellbares erlebte, an denen als 18-Jährige unzählige ausgemergelte Leichen in Massengräber schleppte, nur um vielleicht doch noch einen Tag zu erleben, dass sie später den Weg nach Deutschland und auch nach Lüneburg fand, ist nur als Akt tiefer Menschlichkeit zu verstehen. Nur ihre Mutter und sie hatten den Faschismus überlebt, die engere Familie wurde ermordet.

Nicht chronologisch aufgebaut

„Wie Bachs Musik mir half zu überleben“, lautet der Untertitel des Buchs, das Růžičková unter Mitarbeit von Wendy Holden schrieb. Einen Zettel mit den ersten Takten einer Sarabande von Bach nimmt das Mädchen Zuzana mit nach Auschwitz. Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut, die Kapitel springen durch die Zeit, aber das Lebensband lässt sich immer verfolgen. Mitzuerleben ist das Leben einer Frau, die es sich auch in guter Zeit nie leicht machte. Růžičková setzte sich auf ihrem Weg zur Solistin gegen viele Widerstände durch, eroberte sich durch unendliches Üben und vollendete Musikalität die Unterstützung der strengsten Lehrer.

Zuzana Růžičková, 2017 gestorben, nahm als erste Bachs gesamtes Klavierwerk auf Cembalo auf, gewann zahllose Preise und konnte von Prag aus die gesamte westliche Welt bereisen, der sozialistische Staat kassierte gern 80 Prozent ihrer Gagen. In ihrer tschechischen Heimat durfte sie ihr Instrument aber nicht unterrichten, es wurde als feudal und religiös abgelehnt. Auch Auftritte wurden erschwert: Bei einem großen Konzert durfte sie nicht mitwirken, weil ein kommunistischer Funktionär befand, dass zwei Juden in einem Konzert einer zu viel sei. Der Dirigent ging vor.

Im Erschütterndsten unpathetisch

Die Schikanen in der kommunistischen Zeit sind aber verschwindend gegenüber dem Grauen, das für Růžičková und ihre Familie vom deutschen Boden ausging. Sie schildert ihr Leben auch im Erschütterndsten unpathetisch, was den Eindruck nur tiefer macht. Entstanden ist ein Buch, das von unauslöschbarer Liebe zur Musik und von ihrer geradezu lebensrettenden Kraft handelt, namentlich der von Bach. Und zugleich ist es ein Buch, das alle, die so privilegiert leben wie die nach 1945 Geborenen, Demut lehrt.

Zuzana Růžičková: „Lebensfuge. Wie Bachs Musik mir half zu überleben“, Propyläen, 426 Seiten, 22 Euro

Von Hans-Martin Koch