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Der Festival-Hof füllt sich am zweiten Tag der e-Ventschau, zur Musik der Band DenManTau wird auch schon mal getanzt. Foto: ff

Von Ventschau nach Fukushima

Ventschau. „Atomkraft? Nein danke!“ Es gibt diesen legendä­ren Klassiker unter den Buttons tatsächlich noch, sogar neu, als Preis einer Tombola auf der e-Ventschau. „Atomkraft? Nein danke!“, das ist das Motto, das sich durch ein Open-Air-Festival zieht, das Steffen Thiele vor sechs Jahren ins Leben rief und bis heute Livemusik mit gesellschaftspolitischem Engagement verbindet – eben gegen den Einsatz einer Technik zur Stromerzeugung, deren Spätfolgen bis heute eine Reihe ungelöster Fragen aufwirft. Im Mittelpunkt stehen die Opfer von Tschernobyl und Fukushima, im Mittelpunkt steht aber auch der Spaß mit Bands, die etwa Don Kurdelius & The Mindless Orchestra, Schön Dick Butter und Rainer von Vielen heißen.

„Es sieht gut aus“, sagt Steffen Thiele, und blickt auf den Festivalplatz zwischen Bühne, Info- und Kuchenständen und Ausstellungsräumen. Der Dauernieselregen am Freitag hatte noch viele Interessierte abgehalten. Jetzt, am Sonnabend-Nachmittag, wird es voller, die ersten Gäste tanzen zur Musik von DenManTau, und es sieht ganz so aus, als wenn auch diesmal die e-Ventschau ihre tausend bis tausendfünfhundert Besucher haben wird. Sie kostet neuerdings Eintritt, Freiwilligkeit reicht offenbar nicht, und es soll ja Geld zusammenkommen für die Opfer der Reaktorunfälle.

90.000 Fotos, Dokumente, Plakate und Filme

Für die elfjährige Nika beispielsweise, die eine kleine Dorfschule in Liski besucht. Es herrscht helle Aufregung: Wissenschaftler vom Belrad-Institut aus Minsk sind gekommen, um die radioaktive Belastung der Kinder zu messen. Jetzt sitzt Nika in einem scheinbar harmlosen braunen Ledersessel – tatsächlich aber in einem sogenannten Whole-Body-Counter, der die Beta- und Gammastrahlung erfasst, die von radioaktiven Partikeln im Körper ausgehen, die durch den Verzehr verstrahlter Nahrung in die Organe des kleinen Mädchens gelangt sind. Offizielle Angaben über Spätfolgen, das gilt für Russland wie für Japan, sind unzuverlässig. Um so wichtiger ist der Einsatz von couragierten Menschen, eines pensionierten Chefarztes in Fukushima beispielsweise, der in seiner Strahlenklinik kostenlose Nothilfe leistet.

Das sind so kleine Geschichten, die am Rande des Festivals in den Garagen und Scheunen des Hofes erzählt werden. Nebenan lädt das Gorleben Archiv zum Eintritt, in Lüchow werden rund 90.000 Fotos, Dokumente, Plakate und Filme gesammelt. In Ventschau gibt es einen kleinen Überblick, da hat die Bürgerinitiative gegen die Castortransporte nach Gorleben einen Blumenstrauß für den kürzlich verstorbenen Martin Lemke aufgestellt, der als solidarischer Rechtsanwalt „Rechtsauffassungen zum zivilen Ungehorsam in Frage gestellt und während der Gerichtsverfahren viele Einstellungen und Freisprüche erwirkt“ habe. Atomkraft geht alle an, auch wenn Gorleben als Lager für Atommüll kein Thema mehr ist. Denn, und auch das ist hier zu lesen: „Ein Endlager müsste die Abfälle für eine Million Jahre von der Biosphäre abgeschirmt einschließen.“ Bildhafter und verspielter geht es auf einer Video-Installation zu: Sie zeigt das Atomlager als Szenario von Star Wars, die Castoren bewacht von Klonkriegern.

Viel Arbeit, viel Planung

Hardrock, Disco und Soul, Jazzy-Funk-Pop, Electro Beats, Worldmusic – die e-Ventschau ist und bleibt in der Hauptsache ein fröhliches Festival, das 2013 mit einem Auftritt von Felix Meyer begann, mit lokalen und prominenten Bands. Viel Arbeit, viel Planung, vom Booking über Catering bis zur Frage, wer den Parkplatz im Blick hat. Diesmal hilft die Freiwillige Feuerwehr Pommoissel, die Autos zu ordnen. Steffen Thiele und sein Team planen weiter, es gibt eine Idee: Eine musikalische Weihnachtsfeier, in der Scheune vielleicht, ganz im Geiste des Festivals, das wäre was, „X-mas-e-ventschau“ könnte sie heißen.

Von Frank Füllgrabe