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Das Renegades Steel Orchestra zeigt vollen Einsatz beim SHMF-Konzert in Büdelsdorf. Foto: die

Calypso trifft Bach

Büdelsdorf. Heiße Trommelrhythmen und Reggae-Feeling: Der Calypso-Sound einer Steelpan-Band lässt wohl niemanden kalt – wie am Wochenende im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) zu erleben war. Das erfolgreiche Klassik-Fest steht in diesem Jahr ganz im Zeichen von Bach. Der Barockkomponist und Calypso-Klänge – kann das passen? Die Antwort liefert die Renegades Steelband aus Trinidad und Tobago, die am Wochenende auf einer Bühne der Kunstmesse NordArt in Büdelsdorf bei Rendsburg auftrat. Genauso überraschend und erfrischend verpackte das Signum Saxophone Quartet Werke des großen Komponisten. Denn überschrieben war der dreiteilige Konzertreigen mit „The Big Bach“, der mit dem Festivalorchestra unter der Leitung von Eschenbach seinen Höhepunkt fand.

Diese drei Konzerte zeigten, wie unglaublich vielfältig dieser Ausnahme-Komponist ist und wie unterschiedlich, aber doch immer wiedererkennbar er sich interpretieren lässt.

Experimentierfreude

Die vier Musiker des Signum Saxophone Quartet haben sich in Köln kennengelernt und 2006 das Quartett gegründet. Blaz Kemperle spielt das schlanke Sopransaxophon und stammt wie Alan Luzar, der für das TenorSaxophon brennt, aus Slowenien. Altsaxophonist Hayrapet Arakelyan stammt aus Armenien, und der Italiener Guerino Bellarosa würzt das Ganze mit dem Baritonsaxophon. Gemein ist ihnen die Experimentierfreude, und so ist es nicht verwunderlich, dass sie ihre Instrumente nicht nur im Jazz angesiedelt sehen. Sie lieben es, die unglaublichen Klangfarben, die das Saxophon auszeichnet, herauszukitzeln. „Das Saxophon ist wie ein Chamäleon“, umschreibt Blaz Kemperle das Instrument, das einst der Belgier Adolphe Saxe entwickelte, um die Klarinette und Oboe in symphonischen Orchestern zu ergänzen. Eingesetzt wurde es aber selten, es erlebte erst mit dem Big-Band-Swing der 1920er-Jahre Aufwind.

Die sympathischen Signum-Jungs rücken nun wieder die einstige Bestimmung für die Klassik in den Mittelpunkt. Gar nicht vorgesehen war der Platzregen, der das Quartett mit ungewöhnlichem Trommelwirbel begleitete, aber nicht aus dem Konzept brachte. Ihre Interpretation der Auszüge aus Bachs Orchestersuite Nr. 1 C-Dur (BWV 1066) ebenso wie ihre Version des „Italienischen Konzerts F-Dur (BWV 971)“ hauchten der klassischen Musik neues Leben ein. Mal für zwölf Minuten die Augen zu schließen, um sich mitnehmen zu lassen auf eine Reise mit dem amerikanischen Komponisten David Maslanka (gestorben 2017), der aus Bach-Chorälen neue Stücke komponierte – so leitete Blaz Kemperle den Übergang zu modernen Variationen ein. Vom Band eingespielte Töne vermischten sich unmerklich zu einem Gesamtkunstwerk.

Leidenschaft für das Holzblasinstrument

Als die Musiker die Notenständer wegräumten, dicht zusammenrückten, zeigte sich ihre Leidenschaft für das Holzblasinstrument noch stärker. Kemperle windet sich mit seinem Sopransaxophon wie ein Schlangenbeschwörer, Guerino Bellarosa setzt Akzente mit sexy Hüftschwüngen.

Doch nicht nur die Klangerlebnisse sind an diesem Tag besonders, auch der Ort kann kaum ungewöhnlicher sein: Die Bühne steht in der Carlshütte, einer ehemaligen Eisengießerei. Wo früher Hochöfen glühten, ist heute Raum für Kunst, der NordArt. Die renommierte Kunstmesse ist zum wiederholten Male auch Gastgeber für SHMF-Konzerte. Die entkernte Fabrikhalle erweist sich als idealer Rahmen für kreative Experimente.

So fühlt sich auch das Renegadess Steel Orchestra schnell zuhause auf der Bühne. Die 14 Musiker trommeln unter der Leitung von Desmond Waithe unglaubliche Töne aus ihren silbernen Stahlpfannen und Fässern heraus. Wer weiter hinten sitzt und die konvexen Steelpans nicht sehen kann, glaubt, bei der Toccata und Fuge d-Moll tatsächlich eine Orgel zu hören, die mit ihren vielen Registern verschiedenste Klänge produziert. Aber es sind „nur“ Trommeln, die zum Einsatz kommen. Ob Gounods Ave Maria nach dem C-Dur-Präludium aus dem wohltemperierten Klavier oder die Sehnsuchtshymne „Jesus bleibet meine Freude“ oder das „Air“ aus der Dritten Orchestersuite – die energiegeladene Band verzückt. Die Vielfalt ihres Repertoires ergänzen populäre Hits wie Bob Marleys Reggae-Ballade „No Woman No Cry“. Das Publikum, von 20 bis 80 plus, hält nichts mehr auf den Stühlen, es schwingt die Arme, klatscht, je nachdem, wozu einer der Musiker sie anstiftet.

Lüneburg ist noch einmal Veranstaltungsort

Auch das Schleswig-Holstein Festival Orchestra unter der Leitung von Christoph Eschenbach lässt Bach intensiv erfahren und setzt Kontrapunkte. Neben Bernd Alois Zimmermann stehen Arrangements von Arthur Honegger, Anton Webern und Ottorino Respighi auf dem Programm sowie Paul Hindemiths Konzert für Orchester (op. 38). 118 Musiker aus 28 Nationen reagieren präzise auf die filigranen Taktangaben des Altmeisters; auch ein kleines Lächeln oder eine hochgezogene Augenbraue, der 79-Jährige wird verstanden. Die Nachwuchselite, die jedes Jahr aus der Orchesterakademie zusammengestellt wird, brilliert hochkonzentriert das anspruchsvolle Programm.

Vielleicht wäre sogar Bach begeistert gewesen von der Vielfalt des „The Big Bach“-Tages.

Ürigens: Auch Lüneburg ist noch einmal Veranstaltungsort: Am Donnerstag, 15. August, findet um 20 Uhr im Libeskind-Auditorium die „Afro-Cuban Night“ statt mit der NDR-Bigband und Omar Susa am Klavier.

Von Dietlinde Terjung

Weitere Termine

SHMF-Konzerte auf der NordArt

21. August, 20 Uhr: Klavierkonzert mit Jan Lisiecki in der ACO-Thormannhalle.

26. August, 20 Uhr: Konzert zur Verleihung des Hindemith-Preises an Aigerim
29 Seilova in der ACO-Wagen-remise.

30. August, 20 Uhr: Gustav Peter Wöhler & Band: Behind Blue Eyes, ACO-Thormannhalle. Die historische Halle des Kunstwerks Carlshütte wurde 2011 zum Proben- und Konzertraum für das Schleswig-Holstein Festival Orchestra umgebaut, der Platz für 1200 Zuhörer bietet.