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Astrid Teske (links) und Katja Schaefer-Andrae sitzen in einer Wirtshauszelle des Deutschen Hauses. Foto: oc

Heimeligkeit in Dunkelbraun und Pastellrosa

Bad Bevensen. Das Deutsche Haus an der Ecke Medinger/Lüneburger Straße steht seit mehr als hundert Jahren an markanter Stelle und seit langem leer. Drei Etagen, 1000 Quadratmeter, Fachwerk, ein Türmchen, bleiverglaste Fenster, Denkmalschutz. Der Klotz an der Kreuzung war 30-Betten-Hotel, Gasthaus, Ort für Tanzturniere, griechisches, italienisches Restaurant, Möbellager, und nun dient das Haus als Ort der Kunst, als „Zwischenstation“, bezogen vom Verein Kulturstation.

Das Haus steht für das, was einst als deutsche Gemütlichkeit galt und als Gebäude für Spekulanten. Für 53 000 Euro soll das Deutsche Haus vor Jahren laut Uelzener Zeitung aus einer Zwangsvollstreckung heraus gekauft worden sein. Für 1,45 Millionen Euro stand es noch 2018 zeitweise auf der Internet-Seite eines großen Immobiliendealers. Bis Oktober nun wird im Erdgeschoss Kunst gezeigt und werden Kurse angeboten, etwa für das Gestalten mit Papiermaché und das Knüpfen eine behaglichen Hängematte.

„Wo man Bier trinkt, kann man fröhlich lachen“

Genutzt werden der Schankraum im Erdgeschoss und angrenzende Räume. Die deutsche Gemütlichkeit ist unter Decke noch erhalten: dunkle braune Eiche, kuriose Trinksprüche: „Wo man Bier trinkt, kann man fröhlich lachen. Böse Menschen trinken härtere Sachen“ – Dichter unbekannt. Mit Paneelen dunkelbrauner Eiche dünsteten die Wände der Gaststube ebenfalls damals gefühlte Heimeligkeit aus.

Das Deutsche Haus wurde über die Jahrtausendwende zur „Costa Smeralda“ mit Pizza und Pasta, die Paneele wurden dolce-vita-mäßig pastellrosa überstrichen. Was auch schaurig ausschaut, aber jetzt einiges über Zeitgeist lehrt. Die wichtigste Arbeit der „Zwischenstation“ setzt sich mit dem Raum und seiner Geschichte auseinander.

Geschichte der Gastronomie

Astrid Teske aus Uelzen hat eine Art Essenz des Interieurs ins Interieur gesetzt, als Zwei-Personen-Nische des Wirtshauses. Gebaut ist die Raumkunst aus dem, was der Ort von Vorhang bis Holzverkleidung anbot. Teske nimmt effektvoll die Geschichte der Gastronomie im Deutschen Haus mitsamt der Stilbrüche auf. Sinnieren lässt sich über die Symbolkraft von Architektur und die Widersprüche von Fassade und Inhalt. Die Speisekarte klärt über den Hintersinn der Arbeit auf.

Karsten Alt hat die Räume gestaltet – bis hin zum blauen Wunder, das der Gang gen Toilette bietet. In den Gasträumen sind Strecken von Fotografien zu sehen, dazu Gemaltes, und Kathrin Matzak zeigt Beispiele ihrer „Vollen Vrauen“-Skulpturen

Der von Katja Schaefer-Andrae geleitete Verein Kulturstation hat wiederholt temporäre – also zeitlich begrenzte – Projekte auf den Weg gebracht, zum Beispiel auf dem Schweizerhof oder im früheren Bahnhofskiosk. Jetzt hat er die Innenstadt erobert. Ein Leporello klärt über die soziokulturellen Angebot der kommenden Wochen auf, ebenso die Homepage www.kultur-station.de und eine Facebook-Seite.

Von Hans-Martin Koch