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Der Pianist Omar Sosa brachte afrokubanische Farbe ins Spiel der NDR-Bigband. Foto: t&w

Klassik im Kopf, Karibik im Blut

Lüneburg. Kuba? Schäbig-bunte Hausfassaden, US-Schlitten und Zigarre rauchende Frauen. Dieses Klischee muss man erst einmal loswerden. Musikalisch ist es nicht anders, da denken wir wohl immer noch an steinalte singende Schuhputzer, an den Buena Vista Social Club. Das Konzert von Omar Sosa mit der NDR-Bigband unter der Leitung von Geir Lysne im Audimax präsentierte ein ganz anders Bild: Die „Afro-Cuban Night“ im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals bot modernen, dampfenden Jazz, der eher nebenbei traditionelle Elemente des Landes transportierte.

Omar Sosa Palacios, 1965 in der kubanischen Stadt Camagüey geboren, ist ein Weltenwanderer. Aufgewachsen in einer gutbürgerlichen Familie mit klassischer Musik, mit Jazz und lateinamerikanischer Musik, studierte er Percussions und Marimba, anschließend Klavier. Sosa arbeitete mit Popmusikern wie Vicente Feliú und Xiomara Laugart, wandte sich den Werken Thelonious Monks zu, zog nach Quito und gründete das Fusion-Projekt Entrenoz. Weitere Stationen: Mallorca (nur kurz), dann San Francisco, wo er sich als Latin-Jazz-Musiker etablierte, schließlich Barcelona. Sosa spielt solo, mit kleinen Ensembles, sogar mit Symphonieorchestern, und eben mit Bigbands.

Aktuelles Album „Es:sensual“ im Mittelpunkt

So ein Konzert lässt sich nicht auf wenige Schlagworte reduzieren. Die nordafrikanischen Wurzeln der zeitgenössischen Musik Kubas sind spürbar, aber da sind auch noch Salsa, Bolero, Merengue, als moderne Ausprägung Hip-Hop, Soul, Funk, Gilberto Gil wird da mal als Referenz genannt. Im Mittelpunkt steht nun das aktuelle Album „Es:sensual“, im NDR-Studio aufgenommen, es ist nicht das erste. Der Vorgänger „Ceremony“ wurde 2011 mit dem Echo-Jazz als bestes Bigband-Album ausgezeichnet. „Es:sensual“ (2016), eine Zusammenfassung von sechs Sosa-Alben, ist ein Brückenschlag von Havanna nach Hamburg, die Stücke heißen etwa „Cha Cha Du Nord“ und „Reposo“, „L3 Zero“ und „My Three Notes“, „Anguistado“ und „Sad Meeting“.

Der anscheinend immer gut gelaunte Omar Sosa kommt nicht als Star, er geht zusammen mit den Bigband-Kollegen auf die Bühne, das erste Solo gehört einem anderen Musiker. Auffallend zwischen den hemdsärmelig schwarz gekleideten NDR-Männern ist sein weißes Gewandt. Sosa tritt in rituellen Bekleidungen als Anhänger der kubanischen Religion Santería auf – eine afroamerikanische Hauptreligion, die ihre Götter mit katholischen Heiligen mischt (was die katholische Kirche nur widerstrebend akzeptiert). Noch so ein Crossover also.

Es groovt und blitzt

Aber wie klingt das denn nun? Sehr vertraut zunächst. Die Titel wurden – ziemlich vernuschelt – angekündigt, aber leider nicht näher erläutert. Swing, Latin, Schlagzeug plus Percussions, Kontrabass, Bläsersätze, es groovt und blitzt, und manchmal schimmert dann vom Klavier so ein federleichter Rhythmus herüber, den man unwillkürlich mit Kuba in Verbindung bringt.

Der Reihe nach gehen die NDR-Musiker nach vorn ans Mikro, um ihre Soli abzuliefern, das alles ist brillant und zugleich ein bisschen förmlich, das passt irgendwie nicht. Egal. Die Arrangements sind transparent und werden natürlich punktgenau gespielt, da ist auch Empathie im Spiel, großartig. Aber am allerbesten sind ein paar Stücke nach der Pause, da spielt Omar Sosa fast solo, nur von der Rhythmusgruppe begleitet, und da ist plötzlich der Afrokubaner zu hören, der Klassik im Kopf und die Karibik im Blut hat. Omar Sosa zitiert Thelonious Monk: „Jazz ist Freiheit“, so einfach.

Von Frank Füllgrabe