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Margot Michaelis präsentiert eine Arbeit Schapers. Foto: oc

Ti Toitsche Fracke Pleibt völlick offen

Neuhaus. Pfälzisch konnte Karl Schaper auch: „Ti Toitsche Fracke Pleibt völlick offen Herr Toktor Kohl“ schnitzte Schaper in einen seiner berühmt gewordenen Hol zbriefe. Fragen zum deutschen Selbstverständnis verkleidete der niedersächsische Künstler in ein varianten- und trickreiches Spiel mit Sprache und Form, mit Poesie und Provokation. Antworten suchen können Besucher in Neuhaus, im Pforthaus. Schapers Kunststücke werden dort präsentiert. Titel: „Die deutsch-deutsche Frage“.

Das Thema passt präzise ins 30. Jahr des Mauerfalls und freut Annegret Panz, die Vorsitzende des Vereins für Bürgerbegegnung, einem Forum für Menschen beiderseits der Elbe. Der Verein betreibt das mehr als 400 Jahre alte Pforthaus als Heimatmuseum. Nach Neuhaus geholt haben die Ausstellung aber der Filmemacher Manfred Bannenberg und die Kunstvermittlerin Margot Michaelis, die bereits eine Schaper-Ausstellung kuratiert hat. Beide leben in Schleusenow, ein Katzensprung von Neuhaus.

Auf der documenta 2 vertreten

Karl Schaper (1920-2008) hat sich in seinem künstlerischen Werk immer wieder mit dem befasst, was Deutschland bedeutet oder bedeuten könnte. Er fand damit Anerkennung, er war mit seiner Frau Susanne, einer Weberin, auf der documenta 2 vertreten, er bekam unter etlichen Auszeichnungen ein Stipendium in der Villa Massimo.

Auf den ersten Blick ist Schapers Kunst laut, sperrig und frech. Beim näheren Hinschauen ist sie weit mehr als plakativ, sie öffnet Gedanken- und Diskussionsräume. Neben malerischer und zeichnerischer Gestaltung, neben Experimenten mit Objekten und Objektkästen ist es fast immer die Schrift, die Wege weist. Nur führen diese Wege nie an ein Ziel. Schaper schuf etliche Zyklen, zum Beispiel einen zu „Ob denn“. Da heißt es zum Beispiel „Ob denn aus den Ruinen wirklich ein neues De“ – da bricht Schaper ab, für die Ergänzung ist der Betrachter gefordert. Schaper war auch Pädagoge, das blickt manchmal überdeutlich durch.

Eröffnung am 30. August

Zu sehen sind auch Arbeiten, in denen Schaper Ost und West konfrontiert: Die DDR erscheint schwarzweiß, der Westen farbig. Sind es die Vorstellungen, die hüben von drüben und drüben von hüben hegte?

Wie lässt sich Schaper verorten, welche Schublade lässt sich ziehen? Nennen ließen sich Kollegen wie Kurt Schwitters, John Heartfield und der „Totalkünstler“ Timm Ulrichs, um einen kreativ umtriebigen Zeitgenossen zu nennen. Schaper schaut kritisch und ironisch auf seine Zeit, und manches Thema, das er anreißt, besitzt erhebliche Aktualität. Etwa die „toitsche Fracke“ mit all ihren aktuellen Monströsitäten. Gegen Populisten wie solche, die heute Angst für Deutschland verbreiten, wetterte Schaper schon vor 30 Jahren – und schlug mit seinem Witz alles Dumpfbackene.

„Die deutsch-deutsche Frage“ wird in Neuhaus bis zum 29. September gestellt, allerdings nur sonnabends und sonntags von 15 bis 17 Uhr. Bei der Eröffnung am 30. August wird Margot Michaelis zum Werk sprechen. Vera und Joy steuern Musik bei.

Von Hans-Martin Koch