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Rundgang durch die Ausstellung „Das Prinzip Apfelbaum“ (v.l.): Bürgermeister Eduard Kolle, Pastor Eckhard Oldenburg und Susanne Anger, Pressesprecherin der Initiative. Regisseur Wim Wenders („Der Himmel über Berlin“), ließ sich im Berliner Planetarium in Szene setzen. Foto: Michael Behns

„Alles andere als traurig“

Lüneburg. Bilder berühren, Bilder bleiben in unseren Köpfen, lösen Emotionen aus, können Grundlage für Entscheidungen sein. Auf eine solche Wirkung setzt auch die Foto-Ausstellung „Das Prinzip Apfelbaum. Elf Persönlichkeiten zur Frage ,Was bleibt‘, die jüngst in der Nicolai-Kirche eröffnet wurde.

Entwickelt hat diese Wanderausstellung die Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“. Sie basiert auf einem Zusammenschluss gemeinnütziger Organisationen, derzeit sind es 22, und hat zum Ziel, bei dieser Frage zu beraten und auf sich aufmerksam zu machen.

„Das Prinzip Apfelbaum spricht ein Thema an, das nachdenklich stimmt: den Tod. Und das ist gut so“, sagte Bürgermeister Eduard Kolle in seiner Begrüßungsrede. Denn es gehe ums Nachdenken, also an die Zeit danach zu denken, sich zu fragen, was bleibt, wenn wir eines Tages nicht mehr da sind“, ergänzte er. Auch wer nach dem Berufsleben Erfüllung durch ehrenamtliches Engagement finde, frage sich oft, „ob es nicht auch ein Wirken nach dem Leben an sich gebe“, kreiste Kolle das Thema ein.

Vermögen, aber auch Werte weitergeben

Die renommierte Fotografin Bettina Flitner hat für die Ausstellung, die 2014 entstand, elf Prominente aus den Bereichen Kunst und Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft porträtiert und sie mit der Frage „Was bleibt“ konfrontiert. Die Künstlerin hat in den 90er-Jahren mit Installationen im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam gemacht. Sie stellte zum Beispiel riesige Fotos wie Skulpturen auf Straßen und Plätze, löste damit heftige Debatten aus. Die Kombination von Bild und Text ist quasi zu ihrem Markenzeichen geworden. Zu den Arbeiten der preisgekrönten Fotografin zählen „Ich bin stolz, ein Rechter zu sein“ oder der Bildband „Frauen mit Visionen“. Für die Apfelbaum-Idee wählte sie die Form des Triptychons, also eine Komposition aus drei Elementen (Altgriechisch triptichos = aus drei Lagen bestehend), in diesem Fall: ein großformatiges Porträtfoto, ein Motiv in besonderer Umgebung sowie ein Zitat.

Pastor Eckard Oldenburg verwies bei der Eröffnung auf Psalm 90, in dem ein Mensch die Bitte ,Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden‘ – lebensklug sei gemeint. Oldenburg erinnerte an Gustav Viebrock, einen erfolgreichen Unternehmer, den er persönlich kannte, der „ein knallharter Verhandler war, aber auch ein großer Gönner, zum Beispiel den Bau einer evangelischen Tagungsstätte in Hanstedt förderte. „Was man mit Geld macht, kann Fluch oder Segen sein“, so Oldenburg. Dass nicht nur finanzielles Engagement über den Tod hinaus wirke, zeigen die Enkel des im Januar gestorbenen Geschäftsmannes, denn sie haben eine Stiftung gegründet – offensichtlich hat ihr Opa auch Werte vermittelt. Und auch darum ginge es bei der Frage, was bleibt. Die Ausstellung, bereits in vielen Städten zu Gast, sei ein wichtiger Impulsgeber und enttabuisiere das Sujet auf „eine sehr qualitative und einfühlsame Weise“.

Das Erbe trägt Früchte

„Der Apfelbaum ist ein treffendes Symbol zum Thema Tod und Vererben: Jedes Jahr blüht er aufs Neue und trägt Früchte“, lautet die Begründung für die Namensgebung der Initiative. „Egal ob groß oder klein – das Erbe trägt Früchte. Immer wieder“, erklärte die Berliner Pressesprecherin Susanne Anger.

Ob Wim Wenders, Egon Bahr († 2015) oder Anne-Sophie Mutter – Bettina Flitner lässt die Protagonisten in die Weite schauen, so dass man förmlich spürt wie sie sich Gedanken übers eigenene Sein, Wirken und die Welt machen. Die Porträts strahlen eine unglaubliche Nähe, Wärme, ja sogar Lebensweisheit aus. Das zweite Bild setzt die Person als Teil der Welt in Szene. Die Verlegerin Friede Springer wollte gerne ein Foto auf der Glienicker Brücke, „doch dann hätten wir den Verkehr sperren müssen“, berichtet Susanne Anger von den Vorbereitungen. Also entschied sich die gebürtige Amrumerin für „etwas mit Wasser“. Entstanden ist ein Bild, bei dem Friede Springer in einem schlichten roten Kleid barfuß im flachen Wasser steht, Richtung Horizont schaut – „als ob sie ein Ausrufezeichen darstelle“, kommentiert Anger. Springers Zitat, das das Triptychon komplettiert: „Das Leben der Menschen zu erleichtern – das ist mein Mosaiksteinchen in einem großen Bild aus vielen bunten Steinchen.“

Auch ein Kameramann war dabei – berührende Kurzfilme

Bei Günter Grass († 2015), meist am Schreibtisch vor einer Bücherwand abgelichtet, schaffte es die Fotografin, den Nobelpreisträger in ganz anderer Umgebung „einzufangen“: Sie fragte nach seinen Skulpturen, denn dass der bedeutende Autor auch die Bildhauerei liebte, ist weniger bekannt. So lud er sie zum Rundgang in seinem Garten ein und als er sich auf einen Baumstumpf setzte, hatte Flitner ihr Motiv gefunden: der Künstler inmitten seiner Figuren, als ob er selbst eine Skulptur wäre.

Die Zitate sind den Gesprächen zwischen der Fotografin und den elf Porträtierten entnommen. Kameramann Börres Weiffenbach war stets dabei und so entstanden Kurzfilme, die eine weitere Möglichkeit bieten, sich in das Thema hineinziehen zu lassen. „Die Bilder machen Spaß und die Ausstellung ist alles andere als traurig“, betont Anger zum Schluss.

Von Dietlinde Terjung

Zur Sache

Fakten und Öffnungszeiten

Was ist zu sehen: Elf Foto-Essays zu: SPD-Politiker Egon Bahr (†2015), Schauspieler Dieter Bauer, Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass (†2015), Ex-EKD-Vorsitzende Margot Käßmann, Astronaut Ulf Merbold, Bergesteiger Reinhold Messner, Geigerin Anne-Sophie Mutter, Medizin-Nobelpreisträgerin Christine Nüsslein-Volhard, Verlegerin Friede Springer, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (†2015) und Filmregisseur Wim Wenders.

Öffnungszeiten: Nicolai-Kirche: Montags bis Sonnabend von 10 bis 18 Uhr, sonntags von
29 12 bis 15 Uhr. Audioguides können kostenlos ausgeliehen werden. Ausstellungsende: 24. 9. 2019.

Organisationen: Action Medeor, Amnesty Internatioal, Child Fund, DAHW, Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Dt. Herzstiftung, Dt. Umwelthilfe, Dt. Kinderhilfswerk, DKMS, DRF Luftrettung, Euronatur, Heinz Sielmann Stiftung, Die Johanniter, Max-Planck-Gesellschaft, Menschen für Menschen, Nabu, nph Kinderhilfe Lateinamerika, Right Livelihood Award Stiftung, Stiftung Bildung, Dt. Schlaganfall-Hilfe, Vier Pfoten, Welthungerhilfe.