Donnerstag , 21. November 2019
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Hubertus Meyer-Burckhardt im Gespräch mit Schriftstellerin Ildikó von Kürthy. (Foto: t&w)

Chemo und Champagner

Lüneburg. Gewonnen haben Autoren, wenn sie ihre Leser zu Komplizen gemacht haben. Das klappt am besten bei Krimis. Seit mehr als 25 Jahren zum Beispiel leben und fiebern Leser mit der Familie Brunetti in Venedig. Dass es auch ohne Mord klappen kann, zeigt Ildikó von Kürthy.

Vor exakt 20 Jahren ließ sie beim „Mondscheintarif“ eine Frau über Leid und Lust mit der Liebe reden und schrieb sich mit ihrem Debüt in Herz und Hirn ähnlichaltriger Frauen hinein. Sechs Millionen Leserinnen seither können nicht irren. Nun saß die Frauenversteherin in der Ritterakademie beim Frauenversteher Hubertus Meyer-Burckhardt. Ein Abend zum Nachhören.

TV-Talker Meyer-Burckhardt nämlich pflegt seit gut fünf Jahren „Frauengeschichten“, eine Interview-Serie auf NDR Info, immer am ersten Sonntag eines Monats. Ildikó von Kürthy – sie kennen und sie duzen sich – war so etwa Gesprächspartnerin Nummer 60. Es regnete Komplimente, Gags, wurde immer wieder ernst und kam mit dieser Gemengelage den Büchern der heute 51-Jährigen nah.

Ildikó von Kürthy schreibt leicht zu konsumierende Bücher, in denen sie mit viel Selbstironie über Irrungen und Wirrungen von Frauen ihres Alters schreibt. Immer kommt ihnen dabei die Liebe ins Gehege, von Kürthy selbst hat da offenbar ihren Weg gefunden: „Mein Mann hat eine sehr schöne Entwicklung neben mir gemacht.“

Leserinnen werden zu Freundinnen

So wie ihre Leserinnen zu einer Art Freundin werden, so entwickelt sich ihr Verhältnis zu entstehenden Romanen. Die Autorin lebt sie mit und musste beim Schreiben des neuesten Buchs viel weinen, weil „Es wird Zeit“ eben nicht nur heiter ist. „Ich habe immer darüber geschrieben, was in meinem Leben eine Rolle spielt.“ Die Themen wandeln sich: Eltern werden alt, sterben, Demenz, bösartige Diagnosen in bedrohlich naher Umgebung, listet sie auf. Der Roman, sicher ihr ernstester, handelt auch von Heimat und Kindheit, nach der man sich sehnt, aber Vergangenheit ist nun einmal vorüber.

Die Gleichzeitigkeit von Drama und Freude, mit denen Menschen beim Älterwerden leben, bringt von Kürthy auf die Formel „Chemo und Champagner“. Ihr Aufwachsen in Aachen, ihre Liebe zum Karneval, ihr Verhältnis zum Glauben, ihr Meniskus waren Thema. Es ging um die beim Altern erlangbare „professionelle Zufriedenheit“ und darum, dass Frauen eher bereit sind, Bestehendes umzustoßen, wenn das Leben in Routine versinkt.

Ihre Bücher schreibt sie in der Hamburger Universitätsbibliothek – „da sind nur Leute, die arbeiten oder schlafen“, nichts lenke ab. Es hat sich mal wieder gelohnt: „Es wird Zeit“ startete auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste.

Komplimente für Lüneburg

Der Abend begann und endete mit Lüneburg-Komplimenten. Moderator und Autorin waren schon gemeinsam hier, 2016 mit „Neuland“ im Theater. Meyer-Burckhardt schwärmt für die Stadt, er sei schon am vergangenen Wochenende hier gewesen, und von Kürthy habe auf ihrem großen SUV ja HH-LG als Kennzeichen. Das aber ist Zufall.

Meyer-Burckhardts „Frauengeschichten“ laufen wieder am Sonntag, 1. September, um 21.05 Uhr auf NDR Info.

Von Hans-Martin Koch