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Axel Hacke: „Lange bevor Sie an einem Buch zu arbeiten beginnen, arbeitet das Buch in Ihnen.“ Foto: Thomas Dashuber

„Vertiefen Sie sich!“

Lüneburg. Viele Leser kennen seine Kolumne „Das Beste aus aller Welt“ in der Süddeutschen Zeitung und sein Buch „Der weiße Neger Wumbaba“. Wenn Axel Hacke zu Lesungen einlädt, ist nie so ganz klar, welche Texte er am Abend zur Hand nehmen wird. Stets hat er eine große Auswahl bei sich und entscheidet dann spontan. Bei seinem Auftritt am 18. September um 20 Uhr im Kulturforum wird aber sicher sein neues Buch eine wichtige Rolle spielen, das vor drei Tagen erschienen ist und schon Platz 5 der Spiegel-Bestsellerliste erklommen hat: „Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“. Ein vorzüglicher Band mit allerlei Betrachtungen über das Leben, der dem Leser noch lange in Erinnerung bleibt.

Herr Hacke, wenn man so will, hat das Buch keine zwingende Dramaturgie, was den Lesereiz aber keinesfalls mindert. Warum haben Sie sich für einen Monolog entschieden? Und warum für die direkte Anrede des Lesers?
Offen gestanden war der Monolog die Grundidee des Buches überhaupt. Ich wollte wissen, ob ich es schaffen kann, einen Mann stundenlang so reden zu lassen, dass es nicht langweilig wird, sondern immer spannend bleibt. Das war eine Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe, das hat seit Jahren in mir rumort. Die Anrede einer Person gehört zum Konzept: Leserin oder Leser sollen sich direkt angesprochen fühlen, und zwar nicht in belehrender, sondern eher in fragender Weise. Walter Wemut, die Hauptfigur, predigt ja keine Wahrheiten über das Leben, sondern er denkt nach, und er will, dass jeder für sich auch nachdenkt. Er will eben, wie es im Titel heißt, „Handreichungen“ fürs eigene Denken geben, nichts Fertiges.

Walter Wemut erklärt, dass die Rubrik „Die Toten der Woche“, für die er schreibt, nicht online gestellt wird, weil dort die Ruhe fehle und das „Gekreische“ nur störe. An dieser Stelle eine Schwarz-Weiß-Frage: Halten Sie das Internet für einen Segen oder für einen Fluch?
Es ist eben beides, nichts ist schwarz-weiß im Leben, das ist doch eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt. Das Internet ist großartig, weil es so eine enorme Verbreitung von Wissen ermöglicht und einen schnellen Zugriff darauf, und weil es einen globalen Austausch ermöglicht.
Ich sitze hier gerade, wenn wir miteinander reden, in einem italienischen Dorf, kann jede Zeitung der Welt lesen, jede Menge Filme sehen, kann auch arbeiten – und bin doch gleichzeitig in dem Dorfleben hier, das ich liebe. Auf der anderen Seite macht die Geschwindigkeit, mit der im Internet alles geschieht, die Menschen ängstlich und nervös, oft geradezu hysterisch. Gefühle verbreiten sich in den sozialen Medien noch schneller als Gedanken – und diese Emotionalisierung wird von bestimmten Politikern für eigene Zwecke genutzt. Es ist schwer, der Vernunft hier Geltung zu verschaffen, dafür muss man kämpfen. Irgendwann wird das gelingen, aber es ist schwierig, wie man sieht.

Nehmen wir Ihre „Miss Billigung“: Eine unhöfliche, offenbar zutiefst unzufriedene Person, die „durch ihr Verhalten in anderen die gleiche Ratlosigkeit, Wut, Verzweiflung“ entzünden will. Glauben Sie, dass diese Sorte Mensch zunimmt? Und wenn ja, woran kann das liegen?
Nein, ich glaube nicht, dass das zunimmt. Frustration, Verzweiflung und Wut, das gibt es immer und wird es immer geben. Heute wird es, eben durch das Internet, nur besser sichtbar und vielleicht am Ende, durch die Verbindung in den sozialen Medien, auch zum politischen Phänomen.

Ist Ihnen denn irgendeine Begegnung, die Sie Walter Wemut zuschreiben, selbst passiert? Wie fiktiv sind die im Buch auftretenden Personen?
Es ist einfach so: Jeder Schriftsteller schöpft bei seiner Arbeit aus selbst Erlebtem, jeder verarbeitet, was er kennt, er verwandelt seine Wirklichkeit in etwas Neues, er verdichtet etwas und stellt neue Verbindungen her, was soll er sonst tun? Alle Figuren sind fiktiv, natürlich. Aber zugleich ist es auf eine bestimmte Art sicher das persönlichste Buch, das ich je geschrieben habe.

Walter Wemut amüsiert sich über Menschen, die den Tag begrüßen mit Sätzen wie „Willkommen Tag, ich erwähle dich mit allem, was du mir bringst. Ich will mich am Leben entwickeln, die Situation ist mein Coach“. Er erwidert: „Meinetwegen. Aber jeden Morgen? Kann man denn nicht mal eines unerwählten Morgens einfach so da sein? Ohne Erwählung?“ Wie stehen Sie dazu?
Einerseits ist der Satz ja nicht schlecht, so kann man die Welt, das Leben sehen. Andererseits klingt es ein bisschen penetrant, nicht wahr? Da steckt so ein Leistungsanspruch dahinter, finden Sie nicht? Ich bin auch für Schlampigkeit manchmal, man muss sich nicht jeden Tag entwickeln, vielleicht reicht es bisweilen auch, vollkommen unentwickelt im Café zu sitzen oder auf der Bank vor dem Haus. Ich will nicht jeden Tag etwas wollen müssen.

Glauben Sie auch, dass die Leute Glücklichsein betreiben wie Weitsprung oder Kugelstoßen? Laut Freud sei Glück als Grundzustand für den Menschen ja nicht vorgesehen, schreiben Sie …
Glück ist ein Moment, das hat nicht nur Freud geschrieben, auch Nikolaus Lenau in seinem schönen Gedicht: „O Menschenherz, was ist dein Glück? / Ein rätselhaft geborner / Und, kaum gegrüßt, verlorner / Unwiederholter Augenblick.“ Wer also nach den Glück als Dauerzustand strebt, macht sich unglücklich, weil das eben nicht erreichbar ist. Es ist seltsam, aber neulich habe ich in einer Talkshow über Wemuts Begriff vom „gelungenen Leben“ geredet – und sofort ging es im Gespräch dauernd um das Glück. Beim Gelingen eines Lebens handelt es sich aber genau darum nicht, es geht um Sinn, um Erfülltheit, um die Beziehungen zu anderen Menschen. Damit verglichen, ist „Glück“ geradezu ein banales Wort.

Ich finde, Sie geben unterm Strich eine gute Antwort auf den Titel des Buchs, aber dafür muss man das Buch schon von Anfang bis zum Ende lesen. Können Sie auch aus der Hüfte heraus eine Antwort auf den Satz „Wozu wir da sind“ geben?
Ich glaube jedenfalls, dass jeder auf der falschen Spur ist, der von irgendwoher eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens erwartet, denn jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten, jeder muss selbst seinem Leben einen Sinn zu geben versuchen. Darum geht es.

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Buch gekommen, und war die Marschrichtung von Anfang an klar? Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Wissen Sie, lange bevor Sie an einem Buch zu arbeiten beginnen, arbeitet das Buch in Ihnen. Da waren über Jahre vage Vorstellungen, die in mir herumgeisterten, Figuren, Sätze, Ideen. Irgendwann denkt man dann: Du müsstest jetzt mal anfangen … Und dann beginnt man, das zu bündeln, zu klären, etwas aufzuschreiben, zu strukturieren, auf den Begriff zu bringen, Zusammenhänge herzustellen. Und erst danach setzt wirklich das Schreiben ein. Das hat an sich so lange gar nicht gedauert, vielleicht ein Dreivierteljahr maximal, wobei ich ja jede Woche auch noch meine Kolumne im Magazin der Süddeutschen Zeitung schreiben musste, Lesungen gemacht und Vorträge gehalten habe. Also, Urlaub gab es da nicht mehr und auch selten freie Wochenenden.

Man sollte nichts aufschieben, wenn es um das Gelingen des Lebens geht. Walter Wemut stellt fest, dass dies eine einfache Erkenntnis ist, aber er stellt auch gleich die Frage: Warum beherzigen wir sie dann so wenig? Haben Sie eine persönliche Antwort darauf?
Wir leben in Zeiten der permanenten Ablenkung, der dauernden Unkonzentriertheit, daran liegt es wohl, auch an der permanenten Überanstrengung und Überarbeitung, der Kolonialisierung unserer Gemüter durch wirtschaftliche Notwendigkeiten. Dagegen müssen wir uns endlich wehren, durch Gespräch, durch Lesen, durch Nachdenken. Wemut sagt: „Vertiefen Sie sich!“ Das trifft es doch eigentlich gut.

Walter Wemut empfiehlt, vorne in der Schlange zu stehen, wenn die guten Gene ausgeteilt werden. Was ist, wenn man leider hinten stand?
Was er sagen will, ist: Betrachten Sie Ihren Erfolg im Leben nicht unbedingt immer als Ergebnis eigener Leistung, sondern denken Sie daran, dass Sie vielleicht auch einfach Glück hatten, zum Beispiel: in einem reichen Land zu leben, von der Natur begünstigt worden und von Schicksalsschlägen verschont geblieben zu sein. Im Zusammenhang des Textes ist er als Appell an die Erfolgreichen zur Mäßigung und Bescheidenheit gemeint.

Ihre Figur amüsiert sich über die Flut an Glücksratgebern. Sie haben mit „Wozu wir da sind“ aber selbst einen geschrieben …
Sehen Sie, da sind wir wieder! Es geht ums gelungene Leben, wir reden vom Glück. Ich glaube nicht, dass mein Buch ein Ratgeber ist. Wie ich schon sagte: Ein Leben, das gelingt, muss nicht dauernd glücklich sein, kann es gar nicht. Es kann, im besten Fall, geprägt sein von interessanten und tiefen Beziehungen, von Austausch mit anderen, vom Glauben an den Sinn dessen, was man tut, von einem intensiven Kontakt zur Welt. Das Glück überfällt Sie dann eines Morgens unerwartet beim Rasieren oder bei der Arbeit oder bei einem Spaziergang im Regen. Das können Sie nicht planen, dafür können Sie keinen Rat geben, und ich hab’s auch nicht getan. Ich bin keiner, der Rat geben könnte, das fände ich anmaßend, ich suche selber welchen. Vielleicht habe ich deswegen das Buch geschrieben, weil es diese Suche nach Rat beschreibt, auf der wir alle irgendwie sind.

Von Thorsten Lustmann