Aktuell
Home | Kultur Lokal | Schönheit und Freiheit
Das Marcin Wasilewski Trio begeisterte sein Publikum in der Ritterakademie. (Foto: t&w)

Schönheit und Freiheit

Lüneburg. Die Ritterakademie ist zur Hälfte gefüllt. Sicher, es ist Dienstag, kein idealer Konzerttag. Okay, 19 Uhr, das ist ein recht früher Konzertbeginn. Ja, es ist Jazz, der hat es nicht immer leicht beim breiten Publikum. Schließlich: Das Marcin Wasilewski Trio ist Kennern jede Reise wert, aber im kollektiven Jazzgedächtnis nicht wirklich verankert. Da gehören die Polen aber hin.

Seit 1993 spielen sie zusammen: Pianist Wasilewski, Kontrabassist Sławomir Kurkiewicz und Schlagzeuger Michał Miśkiewicz. Sie stehen für einen extrem klangsensiblen, der Schönheit und der Freiheit verpflichteten Jazz. Nach 25 Jahren sind sie absolut aufeinander eingegroovt, und trotzdem erfinden sie ihre Musik an jedem Abend über Strecken neu. Für die Kompositionen sorgt in der Regel Wasilewski, aber er nimmt Musik etwa von Carla Bley hinzu, und zum Repertoire zählen aus dem Pop entnommene und weit in den Jazz gleitende Stücke.

Angehörige der großen ECM-Familie

Das Trio gehört zur großen ECM-Familie. Vor 50 Jahren gründete Manfred Eicher das Label ECM und verführte klassikgewohnte und rockliebende Menschen dazu, wohlig und neugierig dem Jazz zu verfallen. Allen voran stehen Keith Jarrett und Jan Garbarek für den ECM-Sound, dazu ein wenig ins Vergessen geratene wie Terje Rypdal und Eberhard Weber – und viele mehr. Heute finden sich auch vergleichsweise junge Musiker wie das aus der Klassik kommende Danish String Quartet im breiten Portfolio.

Was sie eint, ist Klangästhetik auf höchstem Niveau, Aufgeschlossenheit für das Uner- und Ungehörte, das Verbinden von Intellekt und Emotion, das sichere Gespür für Zeit und Dynamik, meistens auch das Zulassen von Melancholie und Schönheit, wofür besonders die Skandinavier stehen.

Das passen die Polen gut hinein, allen voran Pianist Wasilewski. Er versenkt sich in seine Musik, ertastend, schwebend. Er schöpft aus der Klassik, spielt auf der anderen Seite mit Jazzrock-Typika. Wasilewski ist ein ungeheuer virtuoser Musiker, lässt mitunter die linke Hand ein Grundmuster umkreisen und die rechte zu langen Läufen aufbrechen. Keinen Moment überzieht er, nirgendwo lauert der Kitsch, nirgendwo die Beliebigkeit.

Es ist schon logisch, dass der Pianist wiederholt Polens wichtigsten Musikpreis gewann, den Fryderyk, benannt nach Chopin, der auch ein großer Improvisator war. Wasilewski gibt den Ton an im Trio, aber Kontrabass und äußerst variabel eingesetztes, manchmal dominantes Schlagzeug haben eine eigene Stimme in dem umjubelten Konzert, das mit zwei Zugaben endete.

Im Schatten der großen Festivals

Das Trio spielte im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage, die sich in diesem Jahr das Motto „Mut“ gegeben haben. Anselm Cybinksi bringt als künstlerischer Leiter wie seine Vorgänger mit kleinem Team spannende Formate und erstklassige Künstler ins Land. Dennoch ist es den Musiktagen in gut 40 Jahren nicht gelungen, die Magie auszustrahlen, die den – weit größer angelegten – Musikfestivals nebenan innewohnt, in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Ein Grund mag der Termin im September sein: Ferien vorbei und der gesamte Kulturbetrieb startet mit Volldampf, füllt die Terminkalender. Die Qualität aber stimmt.

Getragen werden die Musiktage von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Partner sind die örtlichen Sparkassen, für Lüneburg begrüßte Vorstand Sabine Schölzel. Es gibt ein zweites Konzert der Musiktage in Lüneburg, am 21. September um 19 Uhr in der Johanniskirche. Bei den „Delirien der Liebe“ mit Sophie Karthäuser (Sopran) und der Akademie für Alte Musik Berlin steht Händels dramatische Kantate „Il delirio amoroso“ im Zentrum. Es handle sich um eine Art umgedrehter Opheus-Geschichte, sagt Intendant Cybinski. Und darum ist der Termin unglücklich: Am gleichen Abend eröffnet die Gluck-Oper „Orpheus in der Unterwelt“ Lüneburgs Theatersaison.

Von Hans-Martin Koch