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Die Rolling Stones und Madonna, fotografiert von Volker Hinz.

Erst schießen, dann fragen

Hamburg/Lüneburg. Es gibt da eine Parallele zwischen dem Fotografen Volker Hinz und seinem Altersgenossen Lucky Luke, dem real nicht existierenden Cowboy, der b ekanntlich schneller schießt als sein Schatten. Erst schießen, dann fragen, das galt oft für Volker Hinz, den Mann, der schneller als der Blitz seiner Kamera den richtigen Moment erfasste, die richtige Situation und so Fotos schuf, die gut 40 Jahre Zeitgeschichte spiegeln. Hinz, nun über 70 Jahre alt, sortiert sein Werk, bestückt Ausstellungen und fragt sich, was werden soll aus seinem gewaltigen Archiv.

Erste Kamera in der Bundeswehr-Zeit

Volker Hinz war bei der Bundeswehr, 18 Monate Grundwehrdienst, als er seine erste Kamera in der Hand hielt und sich an die Fotografie verlor. Mit 20 verkaufte er sein erstes Bild. 1974 kam er zum Stern, zuvor hatte er als 24-Jähriger die Leitung der Bildagentur Sven Simon in Bonn übernommen. Hinz war der Mann für die Politik. Lange auch beim Stern, wo er als Jungfotograf unter 20 Festangestellten startete. Als er den Stern fast 40 Jahre später verließ, war er so etwas wie der Letzte seine Art.

Mit Walter Scheel in China, mit Helmut Kohl auf Wahlkampftour, mit Franz Josef Strauß in Texas, ein in sich versunkener, einsamer Willy Brandt am Tag vor seinem Rücktritt und immer wieder Helmut Schmidt, mit dem Hinz fast jedes Jahr unterwegs war, ob in die USA, nach Persien, auf Wahlkampftour oder auf die Gorch Fock. „Nonverbale Kommunikation“ hätte sie verbunden, „wir haben nie groß miteinander gesprochen, aber er hat mich ganz nah rangelassen“, erzählt Hinz.

Nähe und Distanz, Zufall und Regie, vieles ist bei einem großen Fotoreporter eine Sache des Gespürs. „Ich war immer vorbereitet“, sagt Hinz. Während Kollegen noch an der Kamera nestelten, hatte er sein Bild im Kasten, so, wie er es wollte.

Der legendären Partys im New Yorker Club Area

Ob es Pelé und Beckenbauer 1977 nach einem Spiel nackt unter der Dusche sind, ein Bild, das er seiner Frechheit verdankt und für dessen Abdruck es keinen Ärger gab; erstaunlich aus heutiger Sicht. Oder die eindringlich Fotoreportage über Muhammad Ali, den er 1984 über Tage begleitete. Oder die Fotos, mit denen er immer über drei Jahre die so legendären wie dekadenten Partys im New Yorker Club Area einfing, wo Andy Warhol, Grace Jones und all die Celebrities Party machten.

Volker Hinz
Der Meister im Selbstporträt. (Foto: Volker Hinz)

Oft sind es beiläufig scheinende Fotos, die mehr über den Menschen aussagen als die inszenierten. Joschka Fischer mit Kind und Hund vor dem Fernseher beim Fußballgucken, Karl Lagerfeld telefonierend auf der Chaiselongue, seine Fingernägel betrachtend. Dazu Rockmusiker: Jagger, Cocker und Co., Hinz war immer da.

Wenn er heute sagt: „Die Welt ist durchfotografiert“, dann hat er daran seinen Anteil. Mehr als 50-mal flog er in die USA, „ich war allein mit Delta-Airlines 1,3 Millionen Meilen unterwegs“. Hinz fotografierte „den dicken König in Tonga“, nahm 300 Filme in Argentinien auf, er war in Samoa und auf Bora Bora, dem „schönsten Punkt der Welt“.

Die Kunst des Augenblicks

Heute wohnt Hinz mit seiner Frau in Hamburg-Ottensen. Hinzens haben Bilder großer Kollegen gesammelt, sie füllen den Flur. In den Wohnräumen hängen großformatige Gemälde des Hamburgers Dieter Glasmacher. Hinz mag die Kunst, er selbst beherrscht die Kunst des Augenblicks, der verweilen soll. „Ich will ein Bild haben, das den Tag überlebt“, sagt er. Mal kam es auf das Tempo an und darum, vorn zu stehen. Mal hieß es warten, bis der Moment kam, der mit der Kamera eingefroren wurde und bleibt.

Volker Hinz hat die Sonnenseiten seines Beruf erlebt. Vorbei sind die Zeiten, in denen die großen Illustrierten Fotografen um die Welt schickten und sie gut bezahlten. Hatte der Stern in den besten Jahren eine Auflage von 1,9 Millionen Exemplaren, so ist er nun auf gut 460 000 gefallen. Tendenz bergab.

Volker Hinz stammt aus der analogen Zeit, als das einzelne Bild – und auch sein Fotograf – mehr wert waren und nicht in Instagram-Massen und Beliebigkeit versanken. Hinz verteufelt die Digitalfotografie nicht, aber sie ist nicht seins. Wenn er zurückblickt, schwingen Dankbarkeit und Stolz mit und ein wenig Trauer. Zwölf Operationen hat Hinz hinter sich, die Gesundheit ist aktuell sein größtes Arbeitsfeld.

Dreimal ausgezeichnet mit dem World Press Photo Award

Dreimal wurde Volker Hinz mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Er bestückt Ausstellungen, eine Reihe von Büchern sind erschienen, zuletzt „In love with Photography“, 424 Seiten schwer. Das Hinz-Archiv, 180 Quadratmeter groß, mag eine Million Bilder umfassen, Volker Hinz hat sie nicht gezählt und scheint doch zu jedem Negativ eine Geschichte zu haben. Die Einladungskarte zu seiner nächsten Ausstellung zeigt Madonna bei einer Performance. „Das war in Paradise Garage beim Geburtstag von Keith Haring. Ich war mit einer Freundin da, die wusste immer, wo etwas los war, ich hatte nur eine Pocketkamera dabei. . .“ So kann das mit Hinz nächtelang gehen.

„The Golden Age of Rock‘n‘Roll“ heißt eine Ausstellung mit Fotografien von Volker Hinz und Günter Zint, ergänzt um Aufnahmen von Astrid Kirchherr, Max Scheler, Peter Brüchmann und Friedhelm von Estorff ­ zu sehen vom 11. September, 19 Uhr, bis 20. Oktober im Artrium der KulturBäckerei Lüneburg.

Von Hans-Martin Koch