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Tonstudio-Chef Torben Seemann (links) mit dem Regisseur Norbert Lechner. Foto: t&w

Subsounds für den Grenzübergang

Lüneburg. Die DDR, fünf Jahre vor dem Mauerfall: Die 16-jährige Anna aus Westdeutschland und der gleichaltrige DDR-Bürger Philipp lernen sich bei einem kirchlichen Jugendaustausch in Ostberlin kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Aber es ist auch eine unmögliche Liebe, denn zwischen ihnen steht die Mauer. Trotz der politischen Umstände und Zwänge versuchen sie, ihre Zuneigung zu leben: Anna und Philipp schreiben sich lange Briefe und treffen sich einige Male in Ostberlin. Doch wie lange kann diese Fernbeziehung halten?

Das ist der Spielfilm „Zwischen uns die Mauer“ des Drehbuchautors und Regisseurs Norbert Lechner, er feiert am 5. Oktober Premiere in der Lüneburger Scala. An der Tonmischung arbeitete Lechner eine Woche lang in Lüneburg, im Tonstudio „Chaussee Soundvision“. Ein gespräch mit dem Regisseur:

Was reizt Sie an dem Genre „Jugendfilm“? Gibt es da besondere Gesetzmäßigkeiten?
Lechner: „Zwischen uns die Mauer“ ist kein „Jugendfilm“, auch wenn wir zwei Protagonisten haben, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen. Wir erzählen in dem Film eine sehr bewegende Romeo und Julia Geschichte, die sich vor über dreißig Jahren so ähnlich wirklich abgespielt hat und von Katja Hildebrand in ihrem autobiografischen Roman aufgeschrieben wurde. Sie kam aus einer Kleinstadt in Westfalen, war in den 80er-Jahren als Jugendliche bei einem Jugendaustausch in der DDR und verliebte sich in einen Jungen aus Ostberlin.
Die beiden Protagonisten in „Titanic“ sind ähnlich alt wie in unserem Film, aber man würde kaum auf die Idee kommen das als Jugendfilm zu bezeichnen. Ich freue mich wenn auch Jugendliche „Zwischen uns die Mauer“ ansehen, aber das eigentliche Zielpublikum für unseren Film sind vor allem erwachsene Zuschauer.

Warum haben Sie sich für diesen Roman entschieden?
Ich habe den Roman 2006, also vor dreizehn Jahren, gelesen und habe geheult. Ich fands unglaublich, wie in dieser Geschichte das ganze Drama der deutschen Teilung spürbar wird. Es gab ja viele solche Liebesgeschichten über die Mauer hinweg, die oft auch tragisch ausgingen, wenn zum Beispiel ein Fluchtversuch misslang. Der Film ist ein absolutes Herzensprojekt von mir. Ich habe mich damals sofort nach der Lektüre darum gekümmert mir die Rechte zu sichern. Zusammen mit meiner Coautorin Susanne Fülscher schrieb ich dann eine erste Drehbuchfassung. Als das Drehbuch 2007 fertig war ging ich auf die Suche nach Geldgebern.
Aber durch das damals bevorstehende Jubiläum 20 Jahre Mauerfall gab es schon viele andere Projekte, die sich mit der deutschen Teilung befassten. Und es war unmöglich, eine Finanzierung für den Film aufzutun. Ich habe dann nach vielen Mühen das Drehbuch frustriert in die Schublade gelegt und dachte, das wird nie mehr was. Vor drei Jahren, als ich meinen Kinderfilm „Ente Gut!“ gerade fertiggestellt hatte, fiel mir das alte Drehbuch wieder in die Hände. Wir haben dann das Drehbuch noch mal stark überarbeitet und ich habe Antonia Rothe-Liermann als weitere Co-Autorin dazugewonnen. Sie kommt aus Dresden und ihr habe ich es zu verdanken, dass der Teil der Erzählhandlung, der in Ostberlin spielt, nun ein viel größeres Gewicht hat und viele wunderschöne Details aufweist, wie damals das Leben in der DDR war.

Und warum für für das Lüneburger Studio?
Die erste Drehbuchfassung spielte sogar in Lüneburg! Es war die Idee meiner Mitautorin Susanne Fülscher, die aus Hamburg kommt und die Lüneburg gut kennt. Im weiteren Verlauf der Arbeit an dem Projekt hat sich bei mir die Idee verfestigt, die westdeutsche Kleinstadt, aus der unsere Protagonistin kommt, könnte an einem großen Fluss liegen. Der Fluss sozusagen als Gegenbild zu der Berliner Mauer, die ja ein Bild der Erstarrung war. Daher habe ich mich dann doch gegen Lüneburg als Spielort entschieden, die Ilmenau ist ja eher ein Flüsschen.
Bei der Drehortsuche bin ich dann auf die niedersächsische Kleinstadt Holzminden gestoßen und fand das sehr reizvoll. Dort haben wir die Geschichte schließlich angesiedelt. Dass wir für die Tonmischung für den Film wieder nach Lüneburg gekommen sind hat damit zu tun, dass wir Filmfördermittel der niedersächsischen Nordmedia den Film erhalten haben und jemand mit das Tonstudio „Chaussee Soundvision“ in Lüneburg empfohlen hat. Ich bin darüber sehr glücklich dass wir dort den Film dann gemischt haben. Es ist ein wunderbares Team, es herrscht eine sehr angenehme, fast familiäre Atmosphäre und der Inhaber des Studios, Torben Seemann, ist ein toller Mischtonmeister.

Was ist genau dort passiert?
Die Tonmischung ist ja ein ganz wichtiger Arbeitsschritt bei der Fertigstellung eines Filmes. Da wird die Gewichtung von Dialogen, Geräuschen, Atmosphären und Musik festgelegt. Und die akustische Ebene beim Film wird ja oft unterschätzt! Ich würde sagen die Tonebene macht 50% der Wirkung eines Filmes aus, insbesondere was Emotionalität und Spannung angeht. Zum Beispiel haben wir auf der Tonebene neben der Filmmusik manchmal mit sogenannten Subsounds gearbeitet. Das ist ein ganz tiefer Ton, der kaum hörbar ist, aber irgendwie beunruhigend wirkt.
Damit vermitteln wir das Unwohlsein, das unsere Protagonistin Anna befällt, wenn sie immer von neuem am Grenzübergang Friedrichstrasse von unangenehmen Grenzpolizisten kontrolliert und gefilzt wird, die damals übrigens ausnahmslos Mitarbeiter des „Ministeriums für Staatssicherheit“ waren.

Die Mauer gibt es schon lange nicht mehr. Oder doch? Im Bewusstsein der Bevölkerung?
Die Mauer im Bewusstsein der Bevölkerung, da ist schon was dran und ich finde es zeigt, was so eine Mauer in negativer Hinsicht bewirken kann. Die DDR Machthaber haben fast 30 Jahre lang hinter dieser Mauer einen Angstapparat aufgebaut. Alles was von außen kam, Kapitalismus, Demokratie, Westfernsehen, aber auch jedes kritische Denken wurde als Bedrohung gegeißelt. Diesen Angstapparat haben viele Menschen verinnerlicht, bis heute. Die Psyche vergisst das ja nicht. Wenn die Populisten heute mit anderen Ängsten z.B. vor dem Fremden spielen, treffen sie die Menschen genau an diesem Punkt.

Von Frank Füllgrabe