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Sängerin Dorothea Dietrich. Foto: t&w

Kreatives Plädoyer für Freiheit

Barnstedt. „Heute haben wir die Qual der Wahl.“ Ein knapper Satz von Jens Thomsen, hinter dem viel Beharrlichkeit, Energie und Arbeit stecken. Es fing mit einigen Flüchtlingen in Barnstedt an. „Unterstützung war vonnöten und ein klares Zeichen, das Gemeinwohl stiften sollte,“ erinnert sich Thomsen. Aus manchen Ideen entstand das Konzept der Musikmeile, ein Festival mit Haltung und Mission: Solidarität leben, Prozesse anschieben, soziale Räume schaffen. Der Erfolg gibt dem unermüdlichen Motor der Veranstaltung recht. Am Wochenende folgte die sechste Ausgabe mit acht Bühnen, mehr als 5000 Besuchern, rund 200 Mitwirkenden und stattlichem Spendenaufkommen, das in verschiedene Projekte fließt.

Die Musikmeile postuliert ein mahnendes, mutiges Zeitzeichen – gegen die verbreitete Ignoranz, gegen Rassismus, neu aufkeimenden Nationalismus und ultrarechte Parolen. Das Benefiz-Programm lenkt den Blick auf Menschlichkeit, Miteinander und eine weltoffene, freie Gesellschaft. Was in Barnstedt überzeugend gelang, strahlt nun in die Region. Für die gute Sache finden sich immer wieder viele Ehrenamtliche zusammen: Feuerwehr, Fußballverein und Bürger. Vor sechs Monaten startete Jens Thomsen die Vorbereitung, im Verlauf wuchs das Organisationsteam auf 100 Aktive. „Etliche Künstler kommen jetzt auf uns zu, wollen gern auf der Musikmeile spielen“, sagt der Initiator.

Punkrock, Pop und Folk

Wie in den Vorjahren gewohnt breitete der eintägige Marathon dieses Jahr erneut ein beachtliches Spektrum aus: von lokalen Musikern wie den Lüneburger Schrotttrommlern bis zu weit angereisten Künstlern, von intimen Klängen mit Orgel oder Harfe über Rudelsingen, Punkrock, Pop und Folk bis zu Jazz, Groove, Flamenco, Percussision, Anarcho-Sound oder orientalischen Tönen. Klavier und Flöte standen neben exotischen Instrumenten aus Afrika oder Vorderasien. Eine Palette, die Staunen ließ, begeisterte, mitriss.

Bozó und Asadi zum Beispiel fanden sich zu einem west-östlichen Musikdiwan in der prallvollen Gutskapelle, beschauten Film-Songs aus europäischer oder persischer Perspektive, mischten Chanson und Ballade mit folkloristischen Einsprengseln. Boyce und Catarino wagten sich vom Dreivierteltakt-Walzer zum Blues und der ehemalige Lüneburger Schauspieler Christian von Richthofen packte beherzt seine Schlagwerk-Wundertüte aus. Von Lateinamerika über die Karibik spannte sich der Klangbogen bis nach Ghana, Bauchtanz und Mithotten inklusive.

Problemzonen der Nation

Aeham Ahmad gehörte zu den bekanntesten Namen. Der Pianist bewegte einst rund um den Globus die Gemüter, als er im kriegsgeschüttelten Syrien auf den Trümmern gegen den Terror humanitäre, künstlerische Akzente anstimmte. Inzwischen ist er staatenlos in Deutschland unterwegs. Über 800 Konzerte hat er seit 2015 bestritten, aus den Händen der weltberühmten Martha Argerich den Beethoven-Preis für Menschenrechte erhalten, gerade ein Buch geschrieben. In Barnstedt beeindruckte er mit eigenen Kompositionen.

Einmischen steht gleichfalls auf der Agenda von „Strom und Wasser“. Die Band um Heinz Ratz macht den Mund auf, benennt die Problemzonen der Nation beim Namen. „Uns geht es um Denkanstöße, die Musik ist das Vehikel, wir wollen Risse in der Gesellschaft ansprechen und auffordern gegen besorgniserregende Trends einzutreten.“ Tietz und seine Künstlerkollegen spenden derzeit einen Teil ihrer Gagen in den neuen Bundesländern für Jugend- und Kultureinrichtungen, die vor der Schließung stehen.

Insofern verstand sich die Musikmeile wiederum als kreatives Plädoyer für Demokratie, Vielfalt und Freiheit. Das Publikum nahm die Botschaften mit großer Sympathie und Begeisterung auf.

Von Heinz-Jürgen Rickert