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Lukas Kummer (rechts) stellt seine Graphic Novel vor, Jakob Hoffmann moderiert. Foto: t&w

Eine neue Sichtweise

Lüneburg. Jeder an Literatur interessierte Österreicher steht in dem Ruf, den Schriftsteller Thomas Bernhard entweder zu lieben oder zu hassen, irgendetwas dazwischen gibt es nicht. Bernhard gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Gegenwartsautoren, der mehrfach mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wurde – seine Bücher sind keine leichte Kost. Der Illustrator Lukas Kummer, selbst Österreicher, ist Thomas-Bernhard-Fan, und das schon seit seiner Schulzeit. „Die Verwerfung“ war die erste Graphic Novel, mit der Lukas Kummer ein Werk von Thomas Bernhard ins Bild gesetzt hat.

Großer Respekt vor dem Projekt

„Ich hatte von Anfang an einen riesigen Respekt vor dem Projekt“, sagt er. Inzwischen hat er zwei weitere Bücher nach Romanen von Thomas Bernhard umgesetzt: „Die Ursache“ und „Der Keller“ greifen Kindheit und Jugend des Schriftstellers in Salzburg auf und setzen sie mit zeichnerische Handschrift in Szene.

Auch an diesem Abend im Heinrich-Heine-Haus gelingt es Kummer, das Publikum für seine Arbeit an einem literarischen Text zu interessieren. Obwohl die Grafic Novel eine junge Disziplin im Literaturbetrieb ist, versteht sie es durchaus, anspruchsvolle Leser gefangen zu nehmen: Da ist nicht nur der Text der Romane von Thomas Bernhard, aus denen Kummer mit österreichischen Zungenschlag gekonnt liest, da sind auch diese Zeichnungen, die er dem Text beigibt. Sie liefern eine ganz neue Sichtweise auf das Geschehen, sie visualisieren nicht nur, was geschieht, sie erschaffen auch eine eigene Welt in besonderen Farben. Wo man bisher bei Lesungen zuhören konnte, kann man jetzt auch zusehen, wie die Geschichte für die Figuren ihren Lauf nimmt.

Und obwohl das in diesem Fall ebenso düster wie eindrucksvoll ist, gibt es durchaus Kritik an dem noch vergleichsweise jungen Genre der Graphic Novel. Seine Kritiker sehen darin nicht wesentlich mehr als eine Spielart von Comiczeichnungen, also eine Art der bloßen Unterhaltung. Kummer stört das wenig. „Ich wollte schon immer Comics machen“, sagt er. Deshalb ging der gebürtige Innsbrucker für sein Studium an die Universität Kassel, wo man seinen Vorstellungen von Buchillustrationen am nächsten kam.

Deutschland ist keine Comic-Nation

Trotz einiger Neuheiten auf diesem Gebiet, Deutschland ist keine „Comic-Nation“, das sieht auch Jakob Hoffmann, Moderator des Abends, so. Junge Illustratoren, die sich diesem Genre verschreiben, haben häufig einen schweren Stand. „Es gibt vielleicht fünf bis zehn Leute, die als freie Künstler von dieser Art Arbeit leben können“, sagt Jakob Hoffmann.

Weil das so ist, hat Lukas Kummer sein neuestes Projekt „Prince Gigahertz“ über Crowfounding finanziert – bei dieser Art der Finanzierung bezahlen Interessenten den Text vorab, indem sie Anteile daran kaufen. Kein einfacher Weg, aber Kummer bleibt seinem Metier treu: Im Anschluss an „Prince Gigahertz“ will er sich erneut dem Leben des Schriftstellers Thomas Bernhard zuwenden. Fünf Bände insgesamt sollen sein Leben illustrieren, als nächstes geplant ist „Der Atem“, der die schwere Erkrankung und die Zeit des Autors in einer Lungenheilanstalt illustriert. „Bei düsteren Stoffen lande ich halt immer wieder“, sagt der Zeichner Lukas Kummer – das ist wohl so, und doch, für denjenigen, der an diesem Abend nicht nur zuhören, sondern auch zusehen durfte, war das Ganze mit Sicherheit ein Gewinn.

Von Elke Schneefuß