Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Lüneburger Symphoniker
Mezzosopranistin Marie Henriette Reinhold setzte Glanzpunkte in der Aufführung. (Foto: Tobias Krüger)

Ein tönendes Abbild der Welt

Lüneburg/Hitzacker. „Der Sommer brachte mir die Dritte, wahrscheinlich das Reifste und Eigenartigste, was ich bisher gemacht“, schrieb Gustav Mahler über seine „Sommerkomposition“, die dritte Sinfonie. Sie stand am Sonntag auf dem Programm, als die Lüneburger Symphoniker mit ihrem ersten Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit im Verdo in Hitzacker gastierten.

Eine komplette musikalische Kosmologie, ein „tönendes Abbild der Welt“ wollte Gustav Mahler in seiner Sinfonie erschaffen: von der unbeseelten Materie über Pflanzen, Tiere, Menschen und Engel bis hinauf zur göttlichen Liebe. Unter der Leitung von Thomas Dorsch widmete sich das Orchester, begleitet von Altistin Marie Henriette Reinhold und dem Damen- und Kinderchor der Lüneburger Singakademie, dem Opus Magnum – die dritte ist die längste aller Mahler-Sinfonien – und brachten das vielschichtige Werk mit Esprit und Spielfreude auf die Bühne.

Orchester, Chor und Solistin hätten für ihre fulminante Darbietung mehr Zuhörer verdient – nur rund 100 Zuhörer fanden am Sonntagabend den Weg ins Verdo. Zuvor gastierten Orchester, Sängerinnen und Sänger mit der Mahler-Sinfonie in der vollbesetzten St.-Johanniskirche in Lüneburg.

Eine epische Reise

Ein „Sommermittagstraum“: So beschrieb Gustav Mahler die Musik seiner gewaltigen Sinfonie. Mit dem Erwachen der Natur beginnt eine epische Reise, eine Suche nach Antworten auf die ewigen Fragen von Glaube und Liebe, Leben und Tod. Von der Natur, den Tieren und Pflanzen, geht es zum Menschen und darüber hinaus zu Gott. Mahler verbindet groß angelegte Sinfonik mit seinen Vertonungen der romantischen Gedichtsammlung „Der Knaben Wunderhorn“ und tiefenpsychologischen Gedanken aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“.

Dabei tänzeln die Melodien, dröhnt die Marschtrommel, vermischen sich mystische Klänge mit leichter Tanzmusik: Aus den unterschiedlichsten Musiksprachen und Affekten baut der Komponist mit seiner dritten Sinfonie tatsächlich eine ganze Welt. Mahler verknüpfte die in den Sommern von 1895 und 1896 entstandene Sinfonie mit einer allumfassenden Vorstellung der Existenz als solcher. „Nun aber denke Dir so ein großes Werk, in welchem sich in der Tat die ganze Welt spiegelt – man ist, sozusagen, selbst nur ein Instrument, auf dem das Universum spielt.” Mahlers persönliche Weltsicht und die Inspiration, die er für dieses Werk erfuhr, verschmelzen zu einer nahezu mystischen Kosmologie.

Als Solistin war Marie Henriette Reinhold zu erleben. Die Altistin, eine international gefeierte Opern- und Konzertsängerin, die in diesem Jahr ihr Debüt bei den Bayreuther Festspielen gab, lieferte auch in Hitzacker eine Glanzleistung ab – ihr warmes, klangschönes Timbre lotete die profunde Tiefe des vierten Satzes – „Weh spricht: vergeh. Doch alle Lust will Ewigkeit“ – vorzüglich aus. Die Zuhörer zeigten sich am Ende verzaubert von einem großen Abend – gilt doch gerade der Schluss des sechsten Satzes Kennern als eine der schönsten Passagen Mahlers Musik überhaupt.

Von Björn Vogt