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Halle für Kunst
Eine Arbeit von Jade Kuriki Olivo alias Puppies Puppies: Der Ausstellungsraum wird zum Friedhof. (Foto: privat)

Alles erscheint überdeutlich

Lüneburg. Der Boden des Ausstellungsraums ist vollständig mit Erde bedeckt; ein feines, staubiges Gemisch, das sich nicht nur auf den Schuhen des Publikums absetzt, sondern auch auf den Tüchern sammelt, die die Pesttoten bedecken. „Plague“ – Pest – heißt die Ausstellung von Puppies Puppies (Jade Kuriki Olivo), die derzeit in der Halle für Kunst zu sehen ist.

Spiel mit Identitäten

Für die Dauer der Ausstellung wird der Raum zum Friedhof oder zu einer Leichenhalle. Auf dem Boden liegen mit schmutzigen Tüchern bedeckte Figuren, in den Ecken sitzen vereinzelt ausgestopfte Ratten. An eine Wand wird ein Video mit Pferden projiziert, deren Knochenstruktur außen auf die Körper gemalt wurde. In der Mitte des Raumes steht eine mittelalterlich anmutende Pestärztin. Die typische Maske macht jede Identifizierung unmöglich.

Das Spiel mit Identitäten und auch Realitäten gehört zu Puppies Puppies und ihrer Kunst. Schon der Name verdeckt die Identität der Künstlerin und gibt keine Auskunft über vermeintlich objektive Marker wie Geschlecht, Alter oder Herkunft. Uneindeutiger Name und Maske – beides kann ein Schutz sein oder erst recht verletzlich machen.

Am Abend der Ausstellungseröffnung wird eine Performance gezeigt, während der Puppies Puppies auf einem Pferd in den Innenhof geführt wird. Gekleidet als napoleonischer Kurier spricht sie folgende Sätze: „Wenn es Kapitulation genannt werden muss, dann sei es so, denn er hat nur dem Wort, nicht dem Willen nach kapituliert. Er hat gesagt: ‚Mein Niedergang wird groß aber nützlich sein.‘ Der Kaiser ist gefallen und er legt sein Gewicht auf eure Gedanken und damit bin ich elektrisch. Ich bin elektrisch.“

Was hat ein Pferd von heute mit Pesttoten zu tun?

Es handelt sich um ein Reenactment einer Performance, die die US-amerikanische Konzeptkünstlerin Trisha Donnelly 2002 in New York zur Eröffnung ihrer ersten großen Soloschau gezeigt hat. Doch um wessen Niederlage geht es hier, und im Umkehrschluss: um wessen Triumph?

Puppies Puppies führt in ihren Werken oft Dinge zusammen, die zunächst nichts miteinander verbindet. Was hat ein Pferd von heute mit Pesttoten zu tun? Und worin besteht die Verbindung zwischen den anatomisch gesehen korrekten Bewegungsabläufen eines Pferdes und der Niederlage Napoleons? Was Puppies Puppies zeigt, ist ihre Version von Ready-Mades. Es handelt sich eher um Konzeptkunst als um unmittelbare sinnliche Erfahrungen. Dafür ist die erste Bedeutungsebene zu offensichtlich und zu plakativ.

Die Ungerechtigkeit des Sterbens

Bei der Betrachterin stellt sich der Wunsch nach subtileren Aussagen und Bezügen ein. Alles scheint überdeutlich zu sein: die Gleichheit im Tod, die Ungerechtigkeit des Sterbens, das Innere, das nach außen gekehrt wird und etwas zu Tage fördert, das sonst im Verborgenen bleibt, die Frage nach der Maske, die jeder von uns trägt. Doch vielleicht besteht gerade darin die Idee und künstlerische Leistung: zunächst nicht miteinander zusammenhängende Dinge so mit Bedeutung aufzuladen, dass sich im Zusammenspiel mit ihnen ähnliche Aussagen treffen lassen.

Die Ausstellung „Plague“ ist noch bis zum 27. Oktober in der Halle für Kunst in Lüneburg zu sehen.

Von Hannah Feiler