Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Alicia Geugelin
Gastspiel am Theater Lüneburg: Regisseurin Alicia Geugelin. (Foto: t&w)

Milch, Maracuja, Mariacron

Lüneburg. „Tigermilch“ ist ein Roman von Stefanie de Velasco aus dem Jahr 2013, ein Film von Ute Wieland aus dem Jahr 2017 und ein Theaterstück von Catharina Fillers, das entstand schon 2014. Im Zentrum stehen zwei 14-jährige Mädchen, die heiß aufs ganze Leben sind. Erzählt wird eine komische, wütende, zärtliche und schmerzliche Geschichte. Sie ist ab 26. September, 20 Uhr, für Menschen ab 15 Jahren im T.3 des Theaters Lüneburg zu sehen. Aber was ist Tigermilch?

Der Mix macht‘s. Man nehme Milch, Schulmilch. Sie steht für das Kindsein. Man nehme Maracujasaft, das ist so irgendwie jugendlich. Und Mariacron – schmeckt zwar grausam, aber besitzt so eine irgendwie erwachsene Note. Das Irgendwie ist Programm: Nina und Jameelah stecken in dieser schwierigen Zeit, noch Kind und schon Jugendliche zu sein, und erwachsen wirken wollen sie auch mal.

„Ich finde es spannend, wie diese zwei Mädels trotz einiger Schicksalsschläge totale Lebensfreude ausstrahlen und Lust, alles zu erleben, was es zu erleben gibt“, sagt Regisseurin Alicia Geugelin. Sie zählt zu den jungen, talentierten TheatermacherInnen im Land. Die 31-Jährige absolvierte ein Dirigier- und Klavierstudium in Mannheim, ein Studium der Politikwissenschaft in Heidelberg und Musiktheaterregie an der Theaterakademie Hamburg, wo sie heute lebt.

Wutbürger-Stück „Viel gut essen“

Geugelin reiht sich ein in den Kreis junger, bereits von großen Häusern in den Blick genommener Regisseure, die in Lüneburg gebucht werden. Das tut dem Haus gut und dem Publikum auch. Zwei aus der Generation kommen erneut: Kathrin Mayr, geboren 1984, inszenierte in der vergangenen Spielzeit „Viel gut essen“, ein Wutbürger-Stück, das viele Diskussionen in Gang brachte. Nun probt sie zum 27. September „Biedermann und die Brandstifter“. Jakob Arnold, Jahrgang 1980, hatte mit der „Opferung des Gorge Mastromas“ einen Überraschungserfolg inszeniert. In diesem Jahr nimmt er sich Lessings „Emilia Galotti“ vor, Premiere ist am 27. März.

Alicia Geugelin inszenierte mittlerweile am St. Pauli Theater, auf Kampnagel sowie an der Opera Stabile der Staatsoper. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, aktuell gewann sie den Start.Off-Wettbewerb 2019 am Lichthoftheater Hamburg. Aber das wird ein Thema für 2020. Jetzt ist „Tigermilch“ dran.

Sie wollen Sex

Nina und Jameelah erleben mehr, als gut ist für 14-Jährige. Sie wollen Sex, gehen dafür weiter, als ihnen gut tut, und dann erleben sie auch noch einen Mord. Es tobt viel raue Wirklichkeit um die Mädchen herum, es drücken jede Menge schwere Themen auf sie. Der gut integrierten Jameelah droht auch noch die Abschiebung.

Alicia Geugelin muss darauf achten, dass es nicht zu plakativ wird. Sie versteht sich außerdem als „Wirkungsmechanikerin“. Sie probt Szenen „nicht tot“, sie will den Darstellerinnen Raum geben, ihre Rollen zu entwickeln. Geugelin hat bisher viele Stücke selbst entwickelt, zum Beispiel „Ich. Wir. Don Giovanni“. Hier muss sie mit einem vorliegenden Text arbeiten, eine andere, konzentriertere Art der Herausforderung.

Da die Regisseurin von der Musik kommt, wird auch diese eine Rolle spielen. Nini und Jameelah, gespielt von Stefanie Schwab und Meryem Ebru Öz, werden ihrer Geschichte einen passenden Soundtrack unterlegen. So weit, so schön. Dummer- und tragischerweise ist die Welt da draußen bei aller Freundschaft leider nicht so, wie man sie sich im Tigermilch-Alter zusammenbaut.

Von Hans-Martin Koch