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Axel Hacke
Gern gesehener Gast in Lüneburg: Axel Hacke. (Foto: t&w)

Gedanken eines Nachrufschreibers

Lüneburg. Axel Hacke kann auch ernst. Verblüffend, aber korrekt. Im proppevollen Kulturforum las er jetzt aus seinem aktuellen Buch „Wozu wir da sind“ – Gedanken eines Nachrufschreibers, der freundlich darum gebeten wird, eine Rede aus Anlass des 80. Geburtstages einer Freundin zu schreiben. Etwas ungewöhnlich für die erdachte Person Walter Wemut, der ja eigentlich nie über noch lebende Personen schreibe. Egal. Hacke schüttet über den Leser 234 Seiten wunderbare Gedanken aus, die es in sich haben.

Hacke alias Wemut kommt vom Hundertsten ins Tausendste, verliert dabei aber nie den Faden. Was ist Glück? Was ist der Sinn des Lebens? Das Kunststück, das Hacke da vollbringt, ist ein Monolog von der ersten bis zur letzten Seite, der einen unwiderstehlichen Sog entfacht. Wird das langweilig? Zu keinem Zeitpunkt. Rutscht er ab ins Esoterische? Mitnichten. Kann er eine Antwort auf die Frage des Buchtitels geben? Aber hallo!

Mit gekonnter Ernsthaftigkeit

Dass eine Lesung für ein neues Buch Werbung machen möchte, ist legitim. Hacke wählt die richtigen Passagen aus, mit denen er die erste Hälfte des Abends bestreitet. Das alles passiert mit einer gekonnten Ernsthaftigkeit, bei der aber immer wieder das Spitzbübische durchscheint – wofür Hacke geliebt wird. Sein Talent: Das Kleine groß machen und auf die Bühne heben. Darin besteht die Fähigkeit wirklich großer Kolumnisten. Gibt Hacke im ersten Teil nur behutsam Gas, so wird schnell klar: Nach der Pause wird das Tempo zunehmen, das Publikum wird sich im Hackeschen Kosmos verlieren.

Und der hat es in sich: Da staunt der Kolumnist über Forscher, die Orang-Utans mit einem Eimer hinterherrennen, um Primaten-Pippi aufzufangen. Oder über Wissenschaftler, die herausfinden möchten, zu welchem Zeitpunkt Sittiche gähnen. Abstrus, aber irgendwie doch auch liebenswert. Hacke räumt ein, dass er während des Schreibens Wert lege auf gepflegte Hose und Hemd, aber aufgrund der drückenden Hitze im Sommer die Füße von ihren Strümpfen befreite und unter dem Tisch einen Ventilator aufstellte – der Wind indes die Haare auf den Zehenrücken hin und herwog. „Ich musste 63 Jahre alt werden, um das Wort Zehenrücken zu schreiben. Verrückt, oder?“

Zwiebel ruft an

Geradezu berühmt ist Hacke für die Darbietung waschechter Speisekarten, die er seit 15 Jahren zugeschickt bekommt. Da haben es ihm die deutschen Übersetzungen angetan, die im fernen Ausland liebevoll angefertigt werden. Da kann es schon mal sein, dass ein Gericht „Zwiebel ruft an“ heißt, wobei es sich ursprünglich um „Onion Rings“ handelt. Zur Hand nimmt Hacke auch sein kolumnistisches Manifest, eine endlose Sammlung treffender Kolumnen. „Sie kennen sicher das kommunistische Manifest, das ist aber eher so ein dünnes Heftchen, zwei Leute haben das geschrieben, die wollten mit wenig Aufwand viel Geld machen.“ Kolumnen sind Hackes täglich Brot, er versorgt damit die Süddeutsche Zeitung, hat deshalb auch Aktuelles zur Hand, natürlich Gedanken zum Brexit, der „Jahrhunderte dauern wird“, irgendwann werde es sicher auch einen „Earl of Brexit“ geben. Mittlerweile berühmt ist auch die von Hacke erdachte grammatikalische Form des Partnerschafts-Passivs. Und die geht so: „Das müsste hier mal gemacht werden.“

Und dann kommt das Unvermeidliche. Wie lange habe er gezögert, über Donald Trump zu schreiben. Aber irgendwann sagte er sich: „Jetzt reicht es! Jetzt schreibe ich über ihn.“ Nordkorea habe das Fass zum Überlaufen gebracht. „Trump hatte doch erst kurz vor dem Treffen mit Kim Jong-un von der Existenz Nordkoreas erfahren. Man zeigte ihm Bilder darüber, damit er nichts lesen muss.“ Und Hacke schreibt die Kolumne aller Kolumnen, er schlüpft in die Rolle Trumps, der nun an seiner Stelle die Worte von der Kette lassen darf, und so wird diese Kolumne dann auch eine sehr, sehr gute, eine prächtige, eine wunderbare, eine noch nie dagewesene …

Am 1. November wird Hackes Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ im T.NT als Theaterstück aufgeführt, weitere Termine folgen im Anschluss.

Von Thorsten Lustmann