Donnerstag , 12. Dezember 2019
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Ein Lehrstück ohne Lehre
Max Frisch
Die Benzinkanister stehen bereit: Christoph Vetter spielt eine ungewöhnliche Rolle bei „Biedermann und die Brandstifter“ (Foto: ff)

Ein Lehrstück ohne Lehre

Lüneburg. Es ist leicht, sich über einen Menschen lustig zu machen, ihn als Dummkopf abzustempeln. Gottlieb Biedermann aus dem „Brandstifter“ von Max Frisch aus dem Jahre 1953 ist so einer: Er lässt zwei Menschen in sein Haus, die ganz offensichtlich sein Zuhause in Schutt und Asche legen wollen. Sie schleppen Benzinkanister auf den Dachboden, und der Hausherr gibt ihnen sogar noch die Zündhölzer. Aber was ist, wenn dieser biedere Bürger in einer Gruppe auftritt? Bei der Premiere am Freitag, 27. September, steht Christoph Vetter vor der ungewöhnlichen Aufgabe, das jüngste Drittel einer kaum durchschaubaren Person zu spielen.

Gottlieb Biedermann ist ein Haarwasserfabrikant, ein ehrgeiziger Geschäftsmann, dem Ansehen und Beliebtheit wichtig sind, der vordergründig energisch auftritt, aber bei Widerstand schnell aufgibt. Als „Lehrstück ohne Lehre“ hat Max Frisch sein Drama genannt, für das er 1948 die ersten Texte schrieb. Es wurde zunächst unter dem Titel „Burleske“ veröffentlicht, 1953 als Hörspiel ausgestrahlt und 1958 als Theaterstück im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.

Die Wahrheit ist die beste Tarnung

Es gibt viele Möglichkeiten, das Drama zu interpretieren. „Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand“, so Max Frisch. Er ist das Kind einer wechselhaften Zeit: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, nach dem Zweiten Weltkrieg Eroberungen auf dem kalten Wege, die Aufteilung der alten Welt in kommunistische und kapitalistische Länder, all dies lässt sich in der Geschichte erkennen.

Der Mensch an sich ist kompliziert, widersprüchlich, und er lernt offenbar einfach nicht dazu. In der ganzen Stadt lodert es. Tagtäglich liest Herr Biedermann in der Zeitung, wo es wieder gebrannt hat. Er schimpft auf seine Nachbarn, die den Brandstiftern offenbar Tür und Tor öffnen. Er selbst aber handelt genauso, er lässt den dubiosen – angeblich obdachlosen – Ringer Joseph Schmitz, hinein, und Wilhelm Maria Eisenring, den Kellner, der behauptet Außendienstmitarbeiter der Feuerversicherung zu sein. Er sei kein ja Unmensch, sagt Herr Biedermann, und Ärger wolle er auch nicht.

Feinde zu Freunden umdeuten

Christoph Vetter also ist der jüngste in der Person des rätselhaften Titelhelden, „ich übernehme den agilen Part, das Emotionale, das Ängstliche“. Philip Richert ist dann der verbindliche Biedermann, der Schmeichler, der sich Feinde zu Freunden umdeutet. Matthias Herrmann, gewissermaßen die Senior-Seele, ist der Aggressive, der gern Klartext reden würde, dann aber doch an sich selbst scheitert. Das Trio muss als menschliche Einheit glaubhaft sein, zugleich die Zerrissenheit des blassen Bürgers spielen. Das bedeutet auch, die gesprochenen Sätze im fliegenden Wechsel zu übernehmen. Kathrin Mayr führt die Regie in dieser ungewöhnlichen Inszenierung. Die Musikarrangements stammen von Clemens Mädge. Zudem sind Mitglieder der Lüneburger Singakademie als Chor beteiligt.

Christoph Vetter ist auch der Jüngste des ins Verderben stolpernden Spießertrios im Lüneburger Theater-Ensemble: Der Coburger studierte von 2011 bis 2015 an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Sein erstes Festengagement von 2015 bis 2018 führte ihn ans Moks Bremen, anschließend wechselte er nach Lüneburg. Unter anderem bei den Nibelungen war er zu sehen, bei der „Opferung von Gorge Mastromas“ und bei „Bunbury“.

Die Premiere am Freitag beginnt um 20 Uhr, eine halbe Stunde vorher gibt es eine Einführung.

Von Frank Füllgrabe