Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Orpheus und Eurydike
Vom Ensemble bis zum Bühnenbild - alles passte perfekt zusammen. (Foto: Theater)

Dreh dich nicht um!

Lüneburg. Die Götter haben sich wieder etwas einfallen lassen: Mal testen, ob nicht das Liebesschmachten des Menschenwesens stärker ist als sein Wille!?! Testobjekt ist Orpheus, der so herzzerreißend um seine schlangenbisstote Eurydike klagt. Er singt sich also Amor sei Dank ins Totenreich, nimmt seine Frau an die Hand. Doch darf er sich bekanntlich auf dem Weg ans Licht laut Göttergebot nicht nach seiner Nymphe umdrehen. Na ja, der Mensch ist schwach: Sie misstraut seiner Liebe, er widersteht ihrem Reizen und Klagen nicht. Die Liebeslust bringt sie um. Reiseleiter durch diese Tragödie bzw. durch Christoph Willibald Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“ ist am Theater Lüneburg Olaf Schmidt – als Regisseur und Choreograph.

Zuerst aber sitzt ein Sänger in seiner Garderobe, das Orchester stimmt und stimmt sich ein, und der Sänger wird beim Blick auf ein Foto ganz traurig. Schnell verschmilzt er mit seiner Orpheus-Rolle, und rein geht‘s zur Reise ins Reich des Todes. Es werde epochal, raunte es vor dieser Premiere aus den oberen Etagen des Theaters.

Barock-Oper gleich zum Start ein Wagnis

Es ist gewiss ein Wagnis, an den Beginn einer Spielzeit eine Oper zu setzen, die aus dem Barock kommt. Und das mit einem Countertenor, der den Abend mit einem Klang prägt, der alt ist, aber neu auf dieser Bühne. Wer wagt, gewinnt: Das Publikum ist hingerissen, vom Counter Leandro Marziotte und Mitsängern, von Ballett, Chor, Orchester, vom Bühnenbild Barbara Blochs und von den Kostümen, mit denen Gesa Koepe das Stück raus aus der Antike und einigermaßen nah ans Hier und Heute führt. Vor allem aber von dem Ganzen, das sich im Großen wie im Kleinen zusammenfügt.

Das Totenreich ist ein Labyrinth aus Gängen mit Fenstern ohne Ausblick. Von überall quellen Menschen, die das Irdische hinter sich haben, hervor: Furien, Finsterlinge und andere geisternde Gestalten. Im lichten Elysium angekommen, wirft Orpheus eine Pille ein. Die hatte ihm Amor, der alte Schalk der Liebe, auf den Weg gegeben. Nun sieht Orpheus offenbar weiße Mäuse, die eine Art Poolparty feiern. Neben dem Poetischen und Tragischen erobert sich an diesem Abend so das – vielleicht streitwürdige – Absurde seinen Raum. Wunderbar in jedem Fall, wie die Mäusewesen eine Parodie auf barocke Schreittänze hinlegen!

Vielsinniger Blick auf das Leben

Wunderbar ohnehin, wie ideenreich Olaf Schmidt bei seinem vielsinnigen Blick aufs Lieben, Begehren, Vertrauen und Versagen das Ballett-Team in jede Szene integriert. Es schält sich aus der Chormasse heraus, umkreist die Sänger wie ein antiker Chor, der kommentiert, beobachtet, das Geschehen doppelt, weitet und vertieft. Die Tänzer*innen festigen mit ihrem Einsatz ihre Popularität. Olaf Schmidt choreographiert auch den von Phillip Barczewski ideal vorbereiteten Chor. Nie war er so wertvoll wie hier. So formt sich der Abend Ton um Ton und Bild um Bild zu einem organischen, in sich schlüssigen Ganzen – mit fesselnden Bildern wie dem kopfüber in die Totenwelt gelangenden Orpheus.

Thomas Dorsch und die bestens eingestellten Symphoniker machen deutlich, wie Gluck sich von starren, formalistischen Mustern der Barockoper löst, was anno 1762 in der Tat epochal war. Es fließt ein durchgehender musikalischer Strom, nichts mehr ist auf reine Bravour getrimmt. Dorsch stimmt die Leidenschaft des Orchesterklangs fein auf die Sänger ab, auf die oft getragenen, sakralnahen Chorsätze ebenso wie auf die drei Solisten, die dem Abend die Krone aufsetzen.

Leandro Marziotte ist der erste Star der neuen Spielzeit. Die Orpheus-Partie wird in anderen Fassungen von einem Tenor oder einem Alt gesungen. Aber der Altus gibt einen eigenen, ungeheuer intensiven Ton vor. Marziotte berührt mit warmem Klang, lyrischem Empfinden, er verfügt über variablen Ausdruck, wirkt nie angestrengt und beweist jede Menge Kondition. Ganz wichtig, dass er sich ins geschehenstarke Konzept beweglich einbringen kann.

Viel Beifall für ein starkes Team

Franka Kraneis bringt Hoffen, Liebe und Verzweiflung der Eurydike auf den klingenden Punkt, und großartig präsentiert Sarah Hanikel mit ihrer schlank geführten Stimme einen zeremonienmeisterlichen Amor. Bei Gluck wird an die Tragödie, wie sie der apfelbeißende Adam ja ähnlich vorführt, ein Happy End angepappt. Das aber löst Olaf Schmidt geschickt ins Offene auf, und dabei führt er zurück zu dem Sänger in der Garderobe, der nun seine Arbeit verrichtet hat und sich mit den Kollegen vorm Publikum verneigt. Das echte Publikum erhebt sich und hat zwei – nun denn – vielleicht epochale, in jedem Fall aber mitreißende Stunden einer stimmigen Uraufführung erlebt. Ein starkes Team und ein starker Start in die neue Spielzeit.

Von Hans-Martin Koch