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Arno Geiger
Arno Geiger (l.) im Gespräch mit dem renommierten Literaturkritiker Denis Scheck. (Foto: t&w)

Fiktion als Präzisionsmittel

Lüneburg. Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger, der 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, war als Ehrengast des Literaturbüros Lüneburg zunächst im Rathaus von Bürgermeister Eduard Kolle begrüßt worden, bevor er zu seiner Lesung ins proppevolle Glockenhaus wechselte. Denis Scheck, der den Abend moderierte, hatte Arno Geiger bereits im vorigen Jahr für seine TV-Sendung „Lesenswert“ zu dem neuen Buch befragt. Nun ließ er den vielfach ausgezeichneten Schriftsteller von seiner Karriere erzählen und aus zweien seiner Werke lesen.

Die ersten drei Bücher seien in finanzieller Hinsicht ein Desaster gewesen. „2500 Euro für zwei Jahre Arbeit, ich dachte das wird nichts, um von der Schriftstellerei leben zu können.“ Daher habe der Österreicher beim ORF eine Ausbildung zum Drehbuchautor gemacht. Zwar nicht ganz beendet, dennoch einen Förderpreis bekommen, wie Scheck ergänzt. Geiger sei halt ein „Meister des Understatements“. Die Wende kam 2005 mit dem Deutschen Buchpreis: „Ich war 37, als der Erfolg durch den Kamin gerasselt ist.“

Darf man über seinen dementen Vater schreiben?

Geiger war der erste, der den neu geschaffenen hochrangigen Preis für deutschsprachige Romane, ähnlich dem Prix Goncourt in Frankreich oder dem britischen Booker Prize, erhielt. Und zwar für den Gesellschaftsroman „Es geht uns gut“. Das brachte zudem 25 000 Euro. „Das Buch wurde an einem Tag öfter verkauft als alle anderen vorher zusammen“, beschreibt Geiger die Wende. Was gewesen wäre, wenn der ebenfalls nominierte Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) der Gewinner geworden wäre, fragte Scheck. „Schwierig, aber ich hätte wohl weitergemacht. Doch der Erfolg beschützt einen.“

Damit leitet Scheck auf den nächsten Erfolgstitel über: „Der alte König in seinem Exil“ (2011). Ein „Hochrisikobuch“, denn es handele von seinem an Alzheimer erkrankten Vater. Da stelle sich die Frage, darf man das? „Ja, wenn es gut ist“, ist Geiger überzeugt. Er habe natürlich die Familie informiert, ihr Okay eingeholt. Seine Mutter habe es zuerst zu lesen bekommen. Das Buch habe seinem Vater richtig gut getan, verrät er nach der Lesung eines Kapitels, das den dementen Vater irgendwie sympathisch in seiner zunehmenden Hilfslosigkeit macht. Fast jeder im Dorf habe es gelesen und sei auf den Vater zugegangen, habe in ihm wieder den Menschen gesehen. Wichtig war Geiger, von seinem Vater zu Lebzeiten zu erzählen. „Ich wollte nicht über einen Toten schreiben.“

Dass das Individuum in seiner Vielschichtigkeit, das ist, was der Autor mit feinfühliger Akribie in seinen Romanen agieren lässt, kommt auch in seinem jüngsten Werk zum Tragen. Geiger, Jahrgang 1968, hat es gewagt, ein Buch über einen Wehrmachtssoldaten zu schreiben, was Geigers Frau anfangs gar nicht verstand. „Beim Schreiben bin ich sehr mutig“, sagt er. Neugier sei der Ausgangspunkt.

Die Sache mit den Schrägstrichen im Text

Es geht um den Soldaten Veit Kolbe, der verwundet, 1944 einige Monate Fronturlaub hat, den er bei seinem Onkel am Mondsee verbringt. Dort lernt der Antiheld und Tagebuchschreiber unter anderem die frisch verheiratete Margot aus Darmstadt und die Lehrerin Margaret kennen. Allen gemeinsam ist die Hoffnung, dass das Leben irgendwann wieder beginnt. Die Möglichkeit eines erneuten Fronteinsatzes funkt immer wieder dazwischen. Wechselnde Erzähler sorgen für Spannung.

Geiger wollte ein dreidimensionales Bild entwickeln vor dem Hintergrund des Dritten Reiches. Mit Behördenbriefen des Kinderlandheims „Schwarzindien“ habe es angefangen. Seit 2005 habe er daran gearbeitet, an die 10 000 Dokumente und Briefe – teils auf Flohmärkten erstanden – durchgeforstet. „Der Roman ist in Gänze erfunden, aber ohne die Recherche nicht denkbar. Fiktion ist ein Präzisionsmittel“, erklärt er.

Was denn die Schrägstriche im Text zu bedeuten hätten, wollte ein Zuhörer nach der Lesung wissen. Ein Schrägstrich sei mehr als ein Punkt, aber weniger als ein Absatz, an solchen Stellen habe er daher den Slash gesetzt. Er überlässt halt nichts dem Zufall.

Von Dietlinde Terjung