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Tigermilch
Stefanie Schwab und Meryem Ebru Öz spielen in der Regie von Alicia Geugelin zwei Teenager in den Wirren der Pubertät. (Foto: Theater Lüneburg)

Sie wollen jetzt das ganze Leben

Lüneburg. Schwieriges Alter: Vierzehn. Fünfzig Prozent Kind, fünfzig Prozent jugendlich und gefühlt mindestens zwanzig Prozent erwachsen. Das geht nicht auf. Schwieriges Alter, in dem Nini und Jameelah stecken, mitten in Berlin und umzingelt von mehr Problemen als gesund ist. Was soll‘s, in ihnen braust die Lust aufs ganze Leben. Sie wollen Liebe, Sex, Abenteuer, Freiheit und den ganzen Wahnsinn. Wie sie fürs Leben proben, wie sie stark werden, wie sie stolpern, wie sie scheitern, all das erzählt Stefanie de Velasco in ihrem Roman „Tigermilch“. Jetzt geht es im T.3 in 80 Minuten durch die Welt, die nicht so sein will wie sie soll.

Buch, Dramatisierung und Filmversion sparen nicht gerade mit harten Themen. Kaputte Familie, drohende Abschiebung, Straßenstrich, Kulturclash, Eifersucht, Illusionen, Streit – und dann werden Nini und Jameelah auf einer ihrer nächtlichen Eskapaden noch Zeuginnen eines Mords, eines sogenannten Ehrenmords. Eine junge Frau, die ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ergreift, wird von ihrem Bruder erstochen. So will es der Familienrat. Die Mädchen kennen Opfer und Täter.

Viel starker Tobak! Das und mehr kann in 80 Minuten nur angerissen werden, also macht das Team um Regisseurin Alicia Geugelin und die beiden Schauspielerinnen Stefanie Schwab und Meryem Ebru Öz das einzig Richtige: Sie machen Tempo. Jameelah und Nini jagen über die Bühne, auf der Bühnenbildnerin Barbara Bloch mehrere Spielorte andeutet, alle wirken großstadtgrau und in Neonlicht getaucht. Farbe haben die Sportklamotten.

Kurze Spiel- und Erzählzenen werden atemlos verzahnt. Das ist virtuos gebaut, immer so, dass die Form dem Inhalt folgt. Stoppt das Stück für einen Moment, spiegeln sich Ratlosigkeit und Verzweiflung auf den Gesichtern der Mädchen. Die Sprache ist nicht auf Slang getrimmt, klingt trotzdem authentisch, das hat Klasse. Gefühle sind laut und groß, wenn man 14 ist. Das Sprechen geschieht hastig, hier und da wird es bis an den Rand des Verständlichen verhetzt.

Beide Akteurinnen brechen oft aus ihren Rollen aus und unterfüttern ihr Lebensgefühl mit Musik. Öz und Schwab dreschen auf Instrumente ein, singen schön und schief; Loops treiben Sounds voran. Das naiv Romantische bekommt es mit den Mamas And Papas zu tun („Dream A Little Dream“), die Ratlosigkeit mit Wir sind Helden („Nur ein Wort“), aber meistens punkt und kreischt es in den Arrangements von Tonio Geugelin.

Geugelin grenzt die Charaktere voneinander ab, beide Mädchen kommen sehr nah rüber. Stefanie Schwabs Nini verhüllt ihren Körper in schlabberigen Trash-Look, ringt spürbar mit sich selbst, sie verkapselt sich, explodiert und zieht sich wieder in sich zurück. Die Jameelah bekommt von Meryem Ebru Öz offensivere Züge, tritt körperbewusst auf, geht immer volles Risiko. Zu spüren ist die drohende Abschiebung, vor der das Mädchen noch alles mitnehmen will, was es unter Leben versteht. Öz und Schwab spielen mitreißend, überzeugend, berührend. Sie verausgaben sich, und nebenbei zeigt Stefanie Schwab, dass sie auch artistisch arbeiten kann.

Tigermilch ist ein Gesöff aus Milch, Maracuja, Mariacron. Kindllich, jugendlich, irgendwie erwachsen. Das geht nicht lange auf. „Tigermilch“ ist ein Stoff, der etwas zu viel wird. Aber der Zuschnitt passt – dank Öz und Schwab, Geugelin und Bloch. Publikum ab 15 kann sich wiedererkennen, das ab 25 sich erinnern, der Rest erschrecken und was lernen. Vielleicht.

Von Hans-Martin Koch