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Biedermann
Die Brandstifter (Jan-Philip Walter Heinzel und Yves Dudziak) haben unverholen die Benzinkanister in Stellung gebracht, die Biedermänner (Matthias Herrmann, Philip Richert und Christoph Vetter) können nur tatenlos zusehen. (Foto: Theater Lüneburg)

Nichts sehen, hören, sagen

Lüneburg. Unheil kommt selten als Unfall daher. Es grollt von ferne, es schleicht sich an, es schleimt sich ein, es setzt sich fest, wird akzeptiert und auch hofiert, und plötzlich brennen Bücher, Häuser, Städte, gar die ganze Erde. „This is the end“, singt der Chor. So beginnt Max Frischs in 50 Jahren vermeintlich leergedroschenes „Lehrstück ohne Lehre“ nun im Theater Lüneburg. „Biedermann und die Brandstifter“ aber entpuppt sich als brandaktuell – und kommt zugleich unheimlich humorvoll rüber. Da ist der jungen Regisseurin Kathrin Mayr und ihrem Team samt Dramaturgin Hilke Bultmann ein feiner flinker Wurf gelungen.

Drei Facetten eines Charakters

Der entscheidende Eingriff der Regisseurin ist der dreigeteilte Biedermann. Matthias Herrmann, Philip Richert und Christoph Vetter tragen biedergrau plus Pullunder. Der Text ist auf sie verteilt, sie sprechen und bewegen sich zeitweise unisono, das ist originell, geradezu choreographiert. Der Kunstgriff der Biedermann-Aufsplittung ist sicher nicht nötig, aber er fächert die Facetten des Charakters auf, und er lockert die trockene, kalkulierte Sprache Frischs auf. Szenisch ist diese ironische Brechung ausgesprochen wirkungsvoll.

So sehr es Spaß macht, dem lustvoll spielenden Biedermann-Trio zuzuschauen und zuzuhören, so deutlich machen Herrmann/Richert/Vetter zugleich, um was für einen Typ Mensch es sich bei dem Haarwasserfabrikanten handelt. Großspurig und feige, selbstverliebt und selbstgerecht, der klassische Opportunist, der Mitläufer, der dreifache Affe, der nichts sieht, nichts hört, nichts sagt.

„Männer wie Sie, das ist‘s, was wir brauchen“, bauchpinselt der Hausierer Schmitz den Biedermann. Jan-Philip Walter Heinzel zeigt ein Musterbeispiel für Chuzpe. Er drückt wunderbar die Mitleidstaste, schiebt unterschwellig Drohungen ein, verpackt jede Dreistigkeit mit einer Vereinnahmung der schnappatmenden Wider-Willen-Gastgeber. Bald schleppt Hausierer Schmitz die Benzinkanister auf den Dachboden.

Perfekte Tarnung: die nackte Wahrheit

Yves Dudziak fügt als Brandschatzkumpel Eisenring eine weitere Farbe hinzu, die des Überlegenen. Die beste Tarnung, gibt er preis, sei noch immer „die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“

Die Frauen im Stück besitzen mehr Durchblick, setzen trotzdem dem Lauf der Dinge nichts entgegen. Frau Biedermann, das spielt Britta Focht aus, ist zu schwach und zu eitel, um das kommende Inferno zu vereiteln. Beate Weidenhammers Dienstmädchen Anna macht motzig, trotzig deutlich, wie sehr sie die Biedermanns und ihren Dünkel verachtet. Anna kapiert, was passiert, und verlässt das Haus vor dem Flug der Flammen.

Kathrin Mayr bringt den Abend in einen rhythmisch bezwingenden Zuschnitt, dazu greift sie wiederholt in den Text ein. „This is the end“, was der Chor zu Beginn raunt, kommt bei Frisch natürlich nicht vor, der düstere Song von den Doors ist zehn Jahre jünger. Der Chor behält zwar seine kommentierende Funktion. Er trägt aber nur ab und zu den sperrigen Originaltext von Frisch vor, der nie so brechtisch klingt wie beim „Biedermann“. Unaufgeregt, darum umso effektvoller agiert der Singakademie-Chor, einstudiert von Phillip Barczewski. Sie werden „Guten Abend, gute Nacht“ singen, und am Ende sind die Stones dran.

Eine haushohe Streichholzschachtel

Dazwischen ratscht es wie ein entflammendes Streichholz, künden Glockenschläge Schicksalhaftes an. Clemens Mädge arrangiert den Sound des Abends, der ideal zu dem originellen, zündenden Bühnenbild passt: Hannah Petersen, die auch fürs Kostümbild sorgt, hat das Heim des Industriellen Biedermann in eine haushohe Streichholzschachtel verkleidet.

Kathrin Mayr weist, auch das ein guter Kniff, in einer zwischengeschnittenen Szene über das lineare Geschehen hinaus. Da nimmt Chorführer Niklas Schmidt den Biedermann rückblickend ins Verhör. Der aber hat ja nix gesehen und nix gehört, er konnte ja nix dafür, er redet sich raus und dreifach in Rage.

Der knapp zweistündige Abend unterhält, macht Sinn, überdreht nur selten wie beim recht albernen Tanz im Totenkranz. Da rutscht die Inszenierung kurz aus dem Takt, ist aber schnell wieder drin. „You can‘t always get what you want“, singt der Chor am Ende. Nein, man kann nicht immer das kriegen, was man wünscht. Aber man kann etwas dafür tun. Man muss.

Von Hans-Martin Koch