Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Als Kind war Doris Dörrie oft in Lüneburg. „Ich hatte ganz vergessen, wie schön die Stadt ist. Ich werde mich hier als Stadtschreiberin bewerben“, schwärmte sie in der Buchhandlung Lünebuch. Foto: t&w

Eine Perlenkette aus Erinnerungen

Lüneburg. Als Kind hat Doris Dörrie mit ihren Geschwistern im Herbst Kastanien gesammelt und sie für kleines Geld zur Futterstelle im Wald gebracht. Auf dem Weg dorthin fuhr sie an Gabys Haus vorbei – an Gaby mit den langen Haaren, an Gaby, die im weißen Kleid Tennis spielte, an Gaby, die zweimal sitzengeblieben, aber den anderen dennoch irgendwie überlegen war.

Befreundet war sie natürlich nicht mit Gaby, sondern mit einem deutsch-chinesischem Jungen. Doris Eltern gingen sonnabends gerne zum „Chinesen um die Ecke“. Und am Ende dieser Assoziationskette taucht ein gigantischer Pottwal nahe der Galapagos-Inseln aus dem Meer auf, Doris Dörrie sitzt im Boot und starrt „diesen schwarzen Berg“ ungläubig an. „Lassen Sie Ihre Gedanken fließen, denken Sie beim Schreiben nicht nach, machen Sie zehn Minuten lang keine Pause“, rät die Autorin ihrem Publikum.

Volles Haus beim Workshop

„Machen Sie Fehler, schreiben Sie Blödsinn auf, schreiben Sie per Hand und im Präsens“, fordert sie die gut 110 Teilnehmer ihres Workshops in der Buchhandlung Lünebuch auf. Jan Orthey, Inhaber der Buchhandlung, brauchte nicht viel Worte, um dem Publikum die erfolgreiche Schriftstellerin, Dramaturgin, Regisseurin und Dozentin vorzustellen: „Je berühmter unsere Autoren, desto kürzer die Ansprache.“

„Leben, schreiben, atmen“ lautet ihre „Einladung zum Schreiben“ – als Buch und als Workshop. Beim Schreiben, beim präzisen Festhalten der Sinneseindrücke, werden Erinnerungen wach, reihen sich wie eine Perlenkette aneinander, bis am Ende eine Biographie zu Papier gebracht wird.

„Beginnen Sie mit folgendem Satz: Ich erinnere mich an den Boden unter den Füßen als Kind“, fordert die Schriftstellerin das Publikum auf. Und für zehn Minuten kehrt kreative Stille in die Buchhandlung ein, Stifte fliegen über das Papier, hier huscht ein Lächeln über ein Gesicht, dort ein Stirnrunzeln.

Erinnerungen kommen hoch

Dann die Ergebnisse: Kinderfüße, die in einer Regenpfütze matschen oder in Socken stecken, mit denen man nicht über den aalglatten Hirnholzfußboden rutschen darf, Gummistiefel auf dem Waldboden, wo Eicheln aufgesammelt wurden – das Geld dafür wurde in „ein gelbes Eis am Bahnhof“ investiert.

„Es können auch traurige, schmerzhafte Erinnerungen hochkommen“, sagt Dörrie, „aber wenn Sie diese aufschreiben, dann ist das wie eine Inbesitznahme. Dann ermächtigen Sie sich Ihrer traurigen Erinnerungen, nicht andersherum.“ So kann Schreiben therapeutisch wirken.

Nächste Runde für die nächsten zehn kreativen Minuten: „Ich erinnere mich an das Essen in meiner Kindheit…“. Herauskommen dabei auch – kollektive – Erinnerungen wie der Geschmack von „eiskalten Kohlrouladen“ oder das Bild einer roten Schnippelbohnenmaschine. Und – bah – den unangenehmen Geruch. „Deshalb stand die Maschine im Keller“. Per Hand zu schreiben, so Dörrie, würde auch die Schwachstellen aufdecken. „Man poliert sich nicht auf, so wie man es permanent im sozialen Netzwerk tut, wo sich alles gleicht und alles gleich schön und poliert sein muss.“ Schreiben kann jeder, und jeder trägt Geschichten in sich. Das stimmt und funktioniert. Fangen Sie an mit dem Satz über den Fußboden, über den Sie als Kind gelaufen sind.

von Silke Elsermann