Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Matthias Böke, Volker Masemann und Katja Voß freuen sich über das „Ur-Foto“ und die Plakette. (Foto: ff)

Musiker feiern seltenes Jubiläum

Lüneburg. Das Stadtorchester Lüneburg feiert in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag. Weil Beständigkeit und Zuverlässigkeit auch heute noch gewürdigt werden, bekommt das Ensemble vom Bundespräsidenten die Pro-Musica-Plakette verliehen. Zwar ist die gewichtige, fast tellergroße Medaille aus Berlin schon bei den Lüneburger Musiker angekommen, aber natürlich gehört auch ein angemessener Festakt dazu. Heute, Freitag, 19 Uhr, übergibt Oberbürgermeister Ulrich Mädge die Plakette – das Pendant zur Zelterplakette der Chöre – offiziell im Fürstensaal.

Zu würdigen sind nach den Statuten „langjähriges Wirken“ und „besondere Verdienste um die Pflege des instrumentalen Musizierens“. Hundert aktive Jahre sollten es schon sein. Eine lange Zeit, die einigermaßen kontinuierlich dokumentiert sein muss. Ausnahme: die beiden Weltkriege. Die Lüneburger haben das hinbekommen. Eine amtliche Gründungsurkunde gibt es zwar nicht, dokumentiert ist aber die Gründung der Arbeiter-Turnerschaft Lüneburg (ATL) am 26. Mai 1894. Zwei Jahre später rufen acht Turner das Trommler- und Pfeifferkorps ins Leben, wiederum ein Jahr später beteiligt sich das Korps am Arbeiter-Sänger-Fest in Uelzen.

Politisch-oppositionelle Gruppen

Das erste Foto stammt von 1899: fünfzehn Personen (offensichtlich mindestens eine Dame darunter) mit Hut, Schärpe und schicker weißer Uniform, posierend in angemessener stiller Würde. Arbeiterverbände – das gilt auch für Chöre – waren auch als politisch-oppositionelle Gruppen von Freidenkern zu begreifen und wurden entsprechend von der wilhelminischen Regierung misstrauisch beobachtet. Und so verzeichnet die Orchester-Chronik tatsächlich bereits 1898 einen „nicht genehmigten Ausmarsch nach Böhmsholz“.

Ein Musiker stirbt im Ersten Weltkrieg. Nach Machtübernahme der Nazis 1933 wird der Arbeiter-, Turn- und Sportbund aufgelöst, das trifft auch das Lüneburger Korps, es löst sich 1936 auf – es gab keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Im Zweiten Weltkrieg sterben zwölf Musiker. Doch es geht weiter: Kurz nach Kriegsende wird das Korps von 27 ehemaligen und neun neuen Mitgliedern wieder ins Leben gerufen, die britische Militärregierung erlaubt die ersten Auftritte. Um das Orchester auf ein breiteres Fundament zu stellen, werden mehrere Knabenkorps gebildet.

Mehrfach neue Namen

In der jüngeren Geschichte bekommt das Orchester mehrfach neue Namen: 1960, mit der Gründung des Vereins für Leibesübungen, wird es zum VfL-Spielmannszug, seit 1968 sind auch Frauen dabei, 1994 dann zum Blasorchester. 2008 verleiht Lüneburg dem Ensemble den Ehrentitel Stadtorchester, das sich 2014 vom VfL trennt, zum eigenständigen Verein wird. Ein Jahr zuvor war das VfL-Heim ausgebrannt – und mit ihm eingelagerte Instrumente, Uniformen und Noten.

Heute zählt das Orchester 50 Mitglieder im Alter von zehn bis 80 Jahren, die Kleinen beginnen bei den „Sopraninis“, hier beginnt nun zusätzlich eine neue Ausbildung für Kinder ab sieben Jahren; die Teenager spielen bei den „Heidepiraten“. Das Repertoire reicht von der Klassik bis zum Queen-Medley. Volker Masemann dirigiert, organisatorischer Leiter ist Matthias Böke. Bei dem Festakt im Fürstensaal bleiben die Instrumente ausnahmsweise daheim, dafür spielen Freunde, die Stadtkapelle Kulmbach.

Von Frank Füllgrabe