Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Rukiye Cankiran
Rukiye Cankiran (rechts) im Dialog mit Karin Fischer, Koordinatorin des Netzwerks „Geschlechter- und Diversitätsforschung“ an der Leuphana. (Foto: t&w)

Alle sind verantwortlich

Lüneburg. Selda ist 16, als ihr Vater ihr verkündet, dass er sie „weggeben“ werde. Was er damit meint: Sie soll ihre anatolische Heimat verlassen und in Deutschland den Sohn eines Cousins ihres Vaters heiraten. Der Cousin sei bis an seine Tür gekommen, um für seinen Sohn um sie anzuhalten und sei dazu noch ein älterer Verwandter. Da habe er nicht nein sagen können, meint ihr Vater – das gehöre sich nicht. Es folgen für Selda 15 Jahre in einer aufgezwungenen Ehe. Sie nimmt bewusst zu, um von ihrem Mann, den sie nicht liebt, nicht begehrt zu werden. Schließlich findet sie die Kraft, sich gegen die Widerstände in ihrem Umfeld durchzusetzen und die Scheidung einzureichen.

Ein Buch, das auch die Betroffenen selber erreicht

Es sind wahre Geschichten wie diese, die Rukiye Cankiran in „Das geraubte Glück“ niedergeschrieben hat – Geschichten von Zwangsheiraten, bei denen vor allem die Frauen häufig noch minderjährig sind. Cankiran hat diese über zehn Jahre gesammelt und dann, wie sie sagt, „in einem Rutsch, ganz emotional heruntergeschrieben“. Sie sei sehr verärgert gewesen über die Literatur, die es bislang zu dem Thema gab. Es seien entweder Romane aus der Sicht einer einzelnen Betroffenen oder Hochglanzbroschüren gewesen. „Aber wen erreichen die schon?“, fragt Cankiran in aller Direktheit bei ihrer Lesung in der Volkshochschule. Aus ihrem langjährigen Engagement für Frauenrechte, insbesondere auch von Migrantinnen, sei der Wunsch entstanden, ein Buch zu verfassen, das auch die Betroffenen selber erreicht. Dass das Thema für sie eine Herzensangelegenheit ist, wird sofort deutlich, wenn die türkischstämmige 48-Jährige spricht.

Im Rahmen des Lüneburger Herbstes der UN-Frauenrechtskonvention ist sie in die VHS eingeladen worden, um ihr Buch vorzustellen. Das Interesse des Publikums ist groß. So entwickelt sich der Abend mehr zu einer Diskussionsrunde als zu einer Autorenlesung im klassischen Sinn. Aufgrund zahlreicher Wortmeldungen kommt Cankiran gar nicht dazu, alle Ausschnitte zu lesen, die sie vorbereitet hatte.

Nicht nur in grauer Vorzeit

Es wird deutlich, dass Zwangs­ehen und Morde im familiären Kontext bei weitem nicht nur in grauer Vorzeit oder weit entfernten Ländern vorkommen. Im Durchschnitt versucht täglich ein Mann in Deutschland seine Exfrau umzubringen. Alle zwei bis drei Tage gelingt das auch. Auch verheiratete Minderjährige gibt es hierzulande weiterhin. Migrantinnen unter 18 sind teilweise bereits verheiratet, wenn sie nach Deutschland kommen.

Die Möglichkeiten sich dagegen zu wehren sind auf dem Papier gut. Es gibt Beratungsstellen und bereits die Androhung einer Zwangsverheiratung kann strafrechtlich verfolgt werden. Nur die Minderheit der Betroffenen nimmt jedoch entsprechende Unterstützung in Anspruch. Kulturelle Prägung und Druck, der von Familie und Community ausgeübt wird, macht es gerade Migrantinnen schwer, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen. Wo auch immer man Zeuge von Eheverbrechen oder häuslicher Gewalt werde, sei deshalb das Wichtigste, diese anzuzeigen und nicht darauf zu vertrauen, dass die Betroffenen von selbst Widerstand leisten würden. „Wir sind alle verantwortlich“, betont Cankiran im Laufe des Abends immer wieder.

Von Robert Schuppe