Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Der Höfische Tanzkreis Lüneburg umrahmte die Musik. Foto: t&w

In 80 Minuten durch den Tag

Lüneburg. Die Musik beginnt, der König schläft. Was hat Ludwig XIV., der Sonnenkönig von Gottes Gnaden, doch für ein prächtiges, mächtiges Orchester an seinem Hof! Rappelvoll ist der Saal im Märchenpalast, den an diesem Abend das denn doch etwas nüchternere Forum der Musikschule bildet. Kaum fassen kann der Bühnenbereich all die jungen Musiker, ihre Lehrer und einige Erfahrene, die in 80 Minuten durch einen Tag des Königs führen, der bald Katzenwäsche machen lässt und die Allongeperücke aufgesetzt bekommt.

Roswitha Conrad und Iris Hammacher sind Fachfrauen für Blockflöte an der Musikschulen. Sie arrangierten und inszenierten ein originelles Programm, in dessen musikalischem Zentrum Jean-Baptiste Lully stand. Wer sonst? Lully war schließlich Ludwigs Hofkomponist. Beeindruckend, was der riesige Flötenchor mit Klangfarbenbreite, Können und Leidenschaft zu spielen vermag – und mit den Flöten alles, was an Holzbläserei so denkbar ist. Renate Breilmann am Cembalo hielt mit weiteren Continuo-Spielern das wogende Gefüge jderzeit zusammen.

Mal pompös, mal intim

Telemann war im Programm vertreten, ebenso Charpentiers Prelude aus dem „Te Deum“, das als TV-Eurovisionsfanfare seit 65 Jahren populär ist. Aber wer kennt den mysteriösen Monsieur Quignard? Da schweigen die Gelehrten. Pars pro toto für die Solisten des Abends sei an diesem Programmpunkt Vivien Bode genannt. Sie bringt Erfahrung aus dem Theater mit und sang bei Quignards „Printemps“ mit hellem, schlanken, angemessen dosierten und durch alle Tücken gleitenden Sopran.

Mal pompös, mal intim mit großen und kleinen Besetzungen ging es durch den Tag des Königs. Einlagen der graziösen Art steuerte May Pauses historischer Tanzkreis bei, formvollendet von den Gewändern bis zu den Schrittfolgen von Menuett und anderen Schreittänzen. Der König verbrachte seinen Tag stumm, lächelte huldvoll, nickte Dekrete ab, charmierte mit den Damen. Klaus-Dieter Bossow stellte den Mann dar. Hätte er gesprochen, hätte die Welt wohl erfahren, dass der französische Sonnenkönig plattdeutsch spricht. Da jedenfalls fühlt sich Bossow zu Haus.

Am Ende gab es langen Beifall, nicht huldvoll zurückhaltend, sondern prasselnd.

Von Hans-Martin Koch