Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Ines Geipel ist furcht- und schonungslos, auch im Umgang mit der eigenen Familiengeschichte. Foto: t&w

Eine Geschichte vom systematischen Schweigen

Lüneburg. Verdrängen, Verleugnen, Schweigen. Gehören zum Alltagsleben in einer Diktatur. „Die DDR war auf systematischem Schweigen aufgebaut“, seziert Ines Geipel das Land ihrer Herkunft und ihrer Familie im Heinrich-Heine-Haus. „Schonungslos“ sei sie, ergänzt Moderator Christian Rabhansel, „schonungslos gegenüber der Geschichte und gegenüber sich selbst“. Wohl auch, weil die Familie Spiegel der Diktatur ist und andersherum.

Die Legende vom positiven Verleugnen

Selbst als ihr Bruder schon vom Tode gezeichnet ist, „wollte und sollte er nichts von seiner Krankheit sagen“, erzählt Geipel. Ihr Bruder war – wie die meisten Menschen in der DDR – überzeugt vom „positiven Verleugnen“. Daraus erwuchs der Nährboden für Mythenbildungen über einen idealistischen, sozialistischen Staat, wozu die couragierte Autorin auch das Märchen von der „emanzipierten, ostdeutschen Supermutter“ rechnet. Denn sie fragt: Wie kann eine patriarchalische Diktatur so lange funktionieren, wenn doch die Frauen vermeintlich so emanzipiert agierten? „Wir müssen aus dem historischen Rührkuchen heraus“, fordert sie, denn darin liegen auch die Ursachen für den großen Erfolg rechtsextremer Parteien im Osten der Republik.

Keine zeitgeschichtliche Aufarbeitung

Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, erfolgreiche Sprinterin der DDR, Schriftstellerin und Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, lässt in ihrem Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ zwei Ebenen sprechen und sich miteinander verzahnen. Ihr Bruder Robby, der am 6. Januar 2018 starb und zeitlebens geschwiegen und positiv verleugnet hatte, „bietet für viele waidwunde Ostdeutsche auch die Möglichkeit zur Identifikation“, sagt sie. Denn anders als mit dem Aufkommen der 1968er Bewegung im Westen gab es im Osten keinen Schulddruck und somit keine zeitgeschichtliche Aufarbeitung. Der NS-Diktatur folgte eine weitere Diktatur, die mit einer aufgezwungenen, lauten Hurra-Stimmung das „bessere Deutschland“ markieren sollte und als „Reinszenierung des Märchens von der DDR“ am Leben erhalten wurde. Auch mit Gewalt – die ebenso in Ines Geipels Familie stets eine Rolle gespielt hatte: Vater und Großvater waren gewaltsame Menschen. In der DDR mussten sich beispielsweise Kommunisten, die aus Gulags zurückkehrten, zum Schweigen verpflichten, denn das Bild der Sowjetunion durfte nicht beschadet werden. In Pawlowschen Schlaflaboren sollte ein neuer Typus Mensch entstehen – ganz ohne Erinnerungen.

Kein Anfang, sondern erzwungenes Ende

Eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte durfte es nicht geben, im Gegenteil: Sigmund Freud war seit 1948 verfemt. Und so war für viele Ostdeutsche der Mauerfall vor 30 Jahren kein chancenreicher Anfang, sondern ein erzwungenes Ende. Ein Akt der Kolonisierung durch den Westen. „Der Mauerfall wird bereits zur Katastrophe umerzählt“, analysiert Geipel. Und von rechtsextremen Parteien geschickt für ihre Wahlkämpfe ausgenutzt, indem sie von der Wende 2.0 sprechen. 30 Prozent in Sachsen und Thüringen sind bereit, rechtsextrem zu wählen. „Die männlichen Babyboomer des Ostens sind die heutigen Kernwähler der AfD“. Einzig eine klare Analyse, ein Benennen der Tabus und Brüche, die Entmystifizierung könnten helfen, dem Schweigen, der Verdrängung und der Gewalt (etwa in Gestalt des NSU-Terrors) ein Ende zu setzen. Ines Geipels Buch ist ein mutiger Anfang und ein wichtiger Beitrag dazu. Auch in den ostdeutschen Städten seien ihre Lesungen sehr gut besucht, erzählt sie gegen Ende. Das lässt hoffen, dass es doch großes Interesse an einem Miteinander gibt.

Von Silke Elsermann