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Die Autorin und Übersetzerin ist mit ihrem Debütroman „Der Pfau“ bekannt geworden, ihr neues Buch „Laufen“ ist ganz anders. Foto: t&w

Auf der Strecke bleiben

Lüneburg. Am Anfang war der Sound. Das Rhythmische, das Getriebene, die langen Sätze und die Gedankenschleifen – eben: Das Laufende. Isabel Bogdan wusste schon früh, wie ihr neuer Roman klingen soll, und dass er ganz anders werden soll als ihr heiteres Debüt „Der Pfau“, der ein Bestseller wurde.

Am Dienstag las die Autorin in der Buchhandlung Lünebuch aus ihrem neuen Werk mit dem schlichten Titel „Laufen“, eine aus der Ich-Perspektive geschriebene Geschichte, in der die namenlose Protagonistin nach dem Selbstmord ihres Partners entschließt, das Laufen wieder anzufangen.

Ebenfalls freien Lauf lässt sie dabei ihren Gedanken, die natürlich ständig, immer wieder und von Strecke zu Strecke um den Verlust ihres Geliebten kreisen. Die Situation scheint so ausweglos und wird doch im Laufe des einen Jahres, in dem der Roman spielt, langsam erträglicher.

Tief, verzweifelt, rau

Etwa 50 Gäste hörten Isabel Bogdan zu. Zwei lange Textpassagen, vom Beginn und der Mitte des Buches, trug die Übersetzerin und Autorin vor und gab den Monologen eine Stimme: Tief, verzweifelt, rau. Es ist ein Thema, vor dem sie große Angst hatte, es nicht gut aufzuschreiben und den Eindruck zu erwecken, sie habe keine Ahnung, wovon sie schreibt. Und nein, zum Glück musste sie noch nie erleben, wie sich jemand in ihrem näheren Umfeld das Leben nimmt, stattdessen hat sie sich informiert.

Mit der Krimiautorin und Psychologin Angelique Mundt hat sie sich getroffen, sie durfte noch während der Entstehungsphase die ersten Seiten des Buches lesen. „Sie konnte mir viel über meine Protagonistin erzählen“, berichtet Isabel Bogdan – nämlich über ihre Art zu trauern, über ihre Beziehung zu dem verstorbenen Mann und ihre Schuldgefühle, die ja eigentlich keine Gefühle, sondern Gedanken seien: „Wenn jemand den Entschluss gefasst hat, sich das Leben zu nehmen, ist das allein seine Entscheidung“, eine Erkenntnis, die Bogdan mehrmals wiederholt.

„Sie ist mir sehr ähnlich“

Herausgekommen ist ein Roman, der sehr wohl weiß, wovon er handelt und die verschlungenen und schwierigen Wege der Trauerarbeit gelungen wiedergibt. Die Schwere des Themas lockert Bogdan mit witzigen Randbemerkungen auf, die Protagonistin hat auch nach dem traumatischen Ereignis ihren Humor nicht verloren und findet auch mit seiner Hilfe wieder ins Leben zurück. „Sie ist mir sehr ähnlich“, gibt Bogdan zu.

Aufgrund des sensiblen Themas diskutierten die Zuschauer und die Autorin nicht in der großen Runde über das Buch, stattdessen stellte Sylvia Anderle von der Buchhandlung Lünebuch einige Fragen – etwa, wieso die Protagonistin ausgerechnet als Bratschistin an der Oper arbeitet. Dies sei eine Empfehlung der Lektorin gewesen – sie brauchte einen Job mit Tagesfreizeit, „denn sonst hat sie im Winter nach Feierabend ganz sicher keine Lust zu laufen.“

Von Robin Williamson