Aktuell
Home | Kultur Lokal | Wie Extremisten die neuen Medien nutzen
Julia Ebner
Julia Ebner im Gespräch mit Moderator Jan Ehlert. (Foto: t&w)

Wie Extremisten die neuen Medien nutzen

Lüneburg. „Ich gebe zu, ich habe ein paar merkwürdige Dinge getan, um dieses Buch zu vollenden…“, beginnen die ersten Zeilen ihres Buches. Undercover mischte sie sich unter Hacker, Terroristen, Trolle, Fundamentalisten und Verschwörer. Julia Ebner verfolgt hauptberuflich Extremisten. Im Heinrich-Heine-Haus sprach sie mit Jan Ehlert, Reporter und Moderator bei NDR Kultur, über ihren Bestseller „Radikalisierungsmaschinen“: „Mit militanten Rechtsextremisten Strongbow zu trinken, ist nicht unbedingt meine Vorstellung von einem ungezwungenen Samstagnachmittag.“

Analyse und Weckruf zugleich

Und mit islamistischen Extremisten über ein Kalifat im Vereinigten Königreich zu diskutieren, ist auch nicht gerade ein normaler Samstagabend“, erzählt die Autorin. Ihr Buch „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ macht Radikalisierung fassbar. Es ist mehr als ein Erfahrungsbericht, sondern eine Analyse und ein unmissverständlicher Weckruf. Als Extremismusforscherin stellen sich ihr folgende Fragen: Wie rekrutieren, wie mobilisieren Extremisten ihre Anhänger? Mit welchen Mitteln wollen sie diese Vision erreichen?

Um Antworten zu finden, schleuste sich Julia Ebner ein in zwölf radikale Gruppierungen quer durch das ideologische Spektrum. „Es gelang mir mit falschen Accounts in den sozialen Medien zu Wahlpartys und Strategietreffen der neurechten Gruppen um Martin Sellner eingeladen zu werden. Die haben gleich versucht, mich als Influencerin und Poster-Girl für sich zu gewinnen“, berichtet Julia Ebner. Ähnlich mischte sie sich wie ein Undercover Agent unter Versammlungen der Hizb ut-Tahrir. Diese Versammlungen sind sowohl in Deutschland als auch in den arabischen Ländern verboten. Dort beobachtete sie Planungen terroristischer Anschläge, Desinformationskampagnen, Einschüchterungsaktionen, Wahlmanipulationen. Ihr Buch „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ war ein SPIEGEL-Bestseller.

Julia Ebner, geboren 1991 in Wien, forscht am Institute for Strategic Dialogue in London zu Online-Extremismus. Sie arbeitet mit zahlreichen Regierungsorganisationen und Polizeiorganen zusammen. „Ich bin außerdem Online-Extremismus-Beraterin der UN, NATO und der Weltbank. Auch schreibe ich regelmäßig für den Guardian und die Süddeutsche Zeitung, war unter anderem bei Markus Lanz, den Tagesthemen und dem heute-journal zur Gast“, erzählt die Autorin.

Hilfe von Menschen aus aller Welt

Aber all dies sei nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung von Menschen aus aller Welt. „Während des gesamten Recherche- und Schreibprozesses hatte ich den Rückhalt sowohl von meiner Familie, Freunden und Kollegen als auch von Fremden“, dankt Julia Ebener jedem Einzelnen von ihnen als bedeutender Beitrag zu diesem Buch.

„Doch wie verhält man sich, wenn man sich in so vielen Foren mit Hass und Menschenverachtung aufhält? Wie hält man das aus?“, fragt der Moderator Jan Ehlert die Undercover-Forscherin. Julia Ebner gibt daraufhin ehrlich zu: „Es gab Momente, da wollte ich nicht mehr weitermachen. Aber ich hatte stets psychologische Betreuung. Vorher habe ich jedoch nie geahnt, was mein Job wirklich bedeuten würde und worauf ich mich einließ.“ Auch schwierige Situationen, wie etwa ein öffentliches „Doxing“, das internetbasierte Zusammentragen und Veröffentlichen anonymer Daten, oder Morddrohungen, trug die junge Forscherin mit Mut und Stärke. „Die Gefahr, dass dies passiert, ist groß. Ich möchte einen Apell an die Politik sprechen, mehr gegen Cyberangriffe zu tun. Gerade die Politiker müssten in der jüngsten Vergangenheit selber gespürt haben, wie einfach es war, ihre Daten zu hacken“, fordert Julia Ebner auf: „So einfach, dass man gar nicht von Hacken sprechen kann.“

Von Malin Mennrich