Aktuell
Home | Kultur Lokal | Märchen erzählen wir alle
Grimm
Miriam Wantikow spielt die selbstbewusste Dorothea alias Rotkäppchen. (Foto: Theater)

Märchen erzählen wir alle

Lüneburg. Es waren einmal Märchen. Sie malten schwarz und weiß und teilten die Welt auf in gut und böse. Ach, wäre es doch so einfach! Aber sie ist nun einmal kompliziert, diese Welt, und simple Muster münden allzuschnell in Angst und Gewalt, Feindseligkeit, Ausgrenzung und Feigheit. Das und vieles mehr lässt sich mitnehmen aus „Grimm!“, dem jüngsten Streich des Jungen Musicals am Theater Lüneburg. Er schlägt zur Premiere im T.3 als satter Erfolg ein, so begeistert und begeisternd stürzt sich ein riesiges Team in eine Geschichte über das, was zusammenpasst – oder eben nicht.

Außenseiter im dunklen Tann

Peter Lund hat die „wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ geschrieben. Es steht da also einmal ein Dorf. In ihm leben die rotbemützte Dorothea, die sieben Geißlein, Schweinchen Schlau und Geschwister, Hund Rex und sein Vater, der alte Sultan. Im Dorf geht es recht spießig zu. Durch den dunklen Tann nebenan dagegen streifen Außenseiter und Aussteiger wie Wolf Grimm, Punk-Schweinchen Wild und Hippie-Oma Eule. Für alle Figuren haben Friedrich von Mansberg (Regie) und Christiane Becker (Bühne, Kostüme) originelle, individuelle Charakterzüge gefunden.

Autor Lund hat eine hin und her kippende, nicht immer stringente und darum alles andere als leicht bezwingbare Geschichte gestrickt. Aber im Mansberg-Konzept funktioniert sie. Angetrieben wird „Grimm!“ von Thomas Zaufkes Musik – mit Zutaten von klassischem Jazz bis zur herzerweichenden Pop-Ballade. Daniel Stickan leitet die knackige Band vom Keyboard aus und hält den Drive auch, wenn Oma Eule ihm ins Haar wuschelt.

Das Fremde löst Angst, Hass und Gewalt aus

Mansberg und Mitstreiter formen Stoff und Team zu einem schlüssigen Abend, der viele aktuelle Inhalte transportiert und bei der alle Darsteller ihren Teil am Gelingen haben. Dabei helfen enorm Rhea Gublers mit Dynamik aufgeladene Showtime-Choreografien. Es wird viel und rasant getanzt und ebenso mitreißend gesungen, woran Anna Schwemmer als Vocalcoach große Verdienste hat.

Das muntere Treiben kulminiert, als Rotkäppchen ihren Grimm ins Dorf integrieren will. Das Fremde, das Unangepasste lösen irrationale Angst, Hass und Gewalt aus. Ernst und Witz liegen aber wie im wahren Leben dicht beeinander. Mutter Geißlein etwa, alleinerziehend und gestresst, will auch ihren Spaß haben und führt sich den gut gebauten Grimm kurzerhand zu Gemüte bzw. Leibe.

Für das Junge-Musical-Projekt müssen seit bald zehn Jahren Stücke her, die viele Rollen bieten, der Zulauf zur Gruppe ist groß. Bis auf eine Rolle sind darum in „Grimm!“ alle Rolle alternierend besetzt. Zum Finale holt das Premierenteam die Kollegen der nächsten Vorstellung auf die Bühne, eine schöne Geste!

Und wenn wir nicht gestorben sind…

Tragende Rollen bei der Premiere haben – nur stellvertretend genannt! – Miriam Wantikow als selbstbewusste Dorothea, der wirklich supercoole Anton Frederik „Grimm“ von Mansberg und mit professioneller Gesangsleistung Juliana Kratz als recht weise Freak-Oma Eule. Die weiß, dass wir alle Märchen erzählen, „damit wir besser dastehen als wir sind“. Juliana Kratz ist wie ihre Alternativbesetzung Margarita Georgiadis seit dem ersten Projekt dabei.

Aus dem Profilager kommt Sascha Littig, der seit 15 Jahren am Theater spielt, hier mit Kodderschnauze und Herz den bejahrten Hofhund gibt, der unter einer alten Schuld leidet. Das „Grimm!“-Ende ist nur bedingt happy, vielmehr gilt der schöne Satz: „Und wenn wir nicht gestorben sind, dann lügen wir noch heute.“

Junges Musical am T.3 des Theaters

Das Team 2019/20

Außer den Genannten sind dabei: Arndt Möller, Nike Just, Juri Endsin, Gunt Temuujin, Paula Franke, Emma Fee Schicke, John Grönecke, Rhea Just, Leonie Meyer, Anneke Kramer, Morgane Meuthien, Josephine Remppis, Sarah Zürneck, Jakob Linus Orth, Arne Wachtel, Leo Ehmke, Jonathan Plate, Viktoria Flecke, Belana Pittin, Pia Naegeli, Leonie Wiegmann, Fenja Gerken und Jona Hoek. Zur jungen Band gehören Tom Kathmann (Trompete), Melanie Charles (Klarinette), Sebastian Brand (Bass), Joschka Parienté (Gitarre) und Bjarne Masemann (Drums). lz

Von Hans-Martin Koch