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Schöne Bescherungen heißt das Stück über das Fest der Liebe, der Familie, des Friedens und der Freude. (Foto: tonwert21.de)

Eine ganz normale Familie

Lüneburg. Es sind jetzt noch 50 Tage. Zeit, zu planen. Heiligabend Oma? Tags drauf Schwiegereltern? Dazu wie immer Sabbeltante Elisabeth? Und unbedingt in die Kirche! Geht Harvey ja auch einmal im Jahr – „man muss sich eine Hintertür aufhalten“, sagt er. Man weiß ja nie, nur das: Es wartet wieder Stress pur am Fest der Liebe, der Familie, des Friedens und der Freude. Da tut es gut zu sehen, wie der Rummel bei anderen wie Harvey und seiner Familie in die Grütze geht. „Schöne Bescherungen“ tischte Alan Ayckbourne dem amüsierten Publikum schon 1980 auf. Die böse Komödie funktioniert noch, auch schon zur Voradventszeit im Theater Lüneburg.

Was für ein Layout! Swana Gutke hat die Bühne großflächig mit Tapete Apollo zugekleistert: große Kreise in Braun, Gelb und Orange – die Wand gewordene Migräne! Grell und großflächig, das war in den 70ern der letzte Schrei, aus heutiger Sicht: das Allerletzte! Wer Elvis Presleys Weihnachtsgedusel für den Inbegriff von Wohlgefühl hielt und zeigen wollte, wie modern er ist, der legte sich passend zur Tapete noch einen Teppich in gemeingefährlichem Orange auf den Boden. Swana Gutke hat die Bühne geradezu erschlagend eingerichtet und die Akteure entsprechend 70er-mäßig eingekleidet, also Hosen mit Schlag und Kleider, die sich vom Bodenbelag nicht abheben.

Das ist ein witziges, fettes Bild für die folgende Schlacht unterm Weihnachtsbaum. Gleichzeitig stellt dieses dominante Bühnenbild Distanz her, alles wirkt auf grotesk überhöhte Weise gestrig. Man guckt den Figuren und ihren Marotten amüsiert zu. Das Erschrecken über den wahren Kern, der in jeder Familie steckt, stellt sich aber nicht recht ein. Das mag auch daran liegen, dass die lange Anlauf nehmende Komödie doch einigen Staub angesetzt hat. Geschichten von Weihnachtsfeiern und ihren festgemauerten Ritualen, die im Chaos enden, sind von Glotze bis Comedy halb totgeritten.

Es kommt also darauf an, wie der Kitt aus den Fugen des Familiengefüges fliegt. Regisseurin Bettina Rehm wählt als probates Mittel scharf gezeichnete, verpeilte Charaktere. Jede/jeder kämpft für sich allein: Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, selbstgefällige, ignorante Männer. Dazu lässt Rehm das Stück in hohem Tempo immer wieder ins Absurde ausbrechen. Das geschieht oft, und dann ist die Inszenierung am besten!

Das quälende Puppenspiel

Zwei aus dem großen Team spielen sich nach vorn. Die Überraschung ist Karl Schneider, eigentlich eine Art Urgestein des Musiktheaters. Wie Schneider knochentrocken als Onkel Harvey eine Ekel-Alfred-Figur raushaut, das ist zum Wegwerfen. Zur szenischen Krönung des Abends steigert sich sodann das Puppenspiel, mit dem Bernard alle Jahre wieder die Familie quält. Philip Richert steigert mit Tülin Pektas als assistierender Pattie eine Slapstick-Nummer ins Aberwitzige. Das allein lohnt den Besuch. Bei der Premiere haben sie derart wunderbar improvisiert, dass Souffleuse Karin Pufal schwindlig werden konnte.

Ayckbourne schreibt weit mehr Personal in seine Familienzerlegung. Während sich in der Küche Britta Focht als Lammbraterin Phyllis systematisch betrinkt, bricht zum Fest der Liebe noch ein Krieg der Triebe aus. Geführt wird er von zwei Schwestern. Stefanie Schwabs Belinda ist die vernachlässigte Schöne. Belinda wird von ihrem Mann Neville ignoriert, den Jan-Philip Walter Heinzel als Betonfrisur tragenden Bastelnerd spielt. Belindas tiefenfrustrierte und liebeshungrige Schwester Rachel bekommt von Beate Weidenhammer eine satte Dosis Hysterie. Beide Frauen wollen dem Gast des Abends an die Wäsche, dem Schriftsteller Clive. Niklas Schmidt zeigt einen überforderten Mann wie auch Christoph Vetter als Eddie, der sich aus jeder Familienpflicht zu verkrümeln weiß.

Es geht einiges zu Bruch an diesem Abend, Gefühle ebenso wie Geschenke. Das Publikum darf Spaß daran haben – und es in 50 Tagen besser machen.

Von Hans-Martin Koch