Donnerstag , 14. November 2019
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Christian von Ditfurth (Mitte) im Gespräch mit Moderator Knut Elstermann (l.). Rechts: Schauspieler Devid Striesow. Foto: t&w

Der Leser muss Stress haben

Lüneburg. Das Hollywood-Gebot Nummer eins lautet: Mit einem Erdbeben anfangen und dann langsam steigern. Das ist nichts für Christian von Ditfurth. Erdbeben und steigern, okay. Aber langsam? Geht nicht. Bis Seite sieben sind drei Menschen entführt, gab es einen kollektiven Stromausfall und sagt die Kanzlerin – „bleich wie Pergament“ – nur noch: „Mein Gott“. Ihr Mann ist Geisel geworden. Aber das ist eben nur der Anfang von „Ultimatum“. Mit dem fünften Fall für Eugen de Bodt kam Ditfurth zum Lünebuch-Krimifestival, mit ihm Devid Striesow als Textleser und Knut Elstermann als Moderator.

Krimi- oder in diesem Fall eher Thriller-Autoren führen ihre Leser im besten Fall atemlos durch Tag und Nacht und bieten live eine gute Performance. Ditfurth sitzt in der Ritterakademie und sagt zu seinem Buch: „Ich weiß zwar nicht mehr, wie ich es gemacht habe, aber es ist ganz gut geworden.“ Der 66-Jährige weiß natürlich ganz genau, wie es läuft, streut aber gern trockenen und ebenso gern selbstironischen Humor mit einem Schuss Sarkasmus ein. Autoren, die mit Worten morden, entpuppen sich erstaunlich oft als Menschen mit Witz.

Schnelle Sätze für schnelle Handlung

Dank Moderator Elstermann knipst Ditfurth das Licht seiner Schreibstube an: jedes Jahr ein Fall für de Bodt, an jedem Tag fünf Seiten. Ditfurth hat ausgangs lediglich einen Plot und sein Personal, das realitätsnahe Züge besitzen kann – es merkelt in „Ultimatum“. Er schreibe dann drauflos, ohne das Ende zu kennen. „Ich ändere den Plot, wenn es für den Leser zu wenig Stress gibt.“ Zur Methode zählen schnelle Sätze für schnelle Handlung – und das Wissen: „Am wirkungsvollsten ist Ungewissheit“. Die befällt in „Ultimatum“ Ermittler und Leser auf mehreren Ebenen und an mehreren Spielorten von Regierungssitzen bis hin zu einer tropischen Insel.

Die beruhigende Konstante ist Eugen de Bodt, der beförderungswürdige Hauptkommissar mit Hang zu Hegel-Zitaten und Vorliebe für grünen Tee, dritter Aufguss. Der sechste Fall für de Bodt und Team ist schon geschrieben.

„Gediegene Weltuntergangsstimmung“

Aus Fall fünf liest als Schauspieler mit Faible für Krimis Devid Striesow effektsicher Szenen um Bodt. Klar wird, „Ultimatum“ führt in die globale Welt, reißt mit kritischem Unterton Weltpolitik auf. Es herrsche „gediegene Weltuntergangsstimmung“, sagt Moderator Elstermann, da nickt Ditfurth nur. Irgendwann – Seite 265, Kapitel 141 – startet auch noch ein Countdown: 26 Stunden, 44 Sekunden. Es bleiben knapp 200 Seiten, um vielleicht die eine und andere Katastrophe zu verhindern. Mal sehen … Mal lesen …

Der Buchverkauf nach der Lesung läuft gut. Hollywood könnte großartige Filme aus dem Stoff machen.

Von Hans-Martin Koch