Donnerstag , 14. November 2019
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Daniela Larcher alias Alex Beer in der Kronendiele. Foto: t&w

Das Opfer einer Verwechslung

Lüneburg. Daniela Larcher heißt sie im Alltag, unter dem Pseudo­nym Alex Beer ist die österreichische Schriftstellerin bei Krimifans bekannt geworden. Die Serie um den Ermittler August Emmerich, einem kriegsversehrten Kriminalkommissar, der in den 1920er Jahren in Wien ermittelt, hat ihr 2017 den Leo-Perutz-Preis des österreichischen Buchhandels eingebracht.

Heute Abend ist die Autorin aber nicht in Lüneburg, um von einem neuen Abenteuer ihres Krimihelden Emmerich zu berichten. Stattdessen geht es auf der Kronendiele um Isaak Rubinstein, einen Mann auf der Flucht, der Opfer einer Verwechselung wird. Die Geschichte spielt 1942 in Nürnberg, dem Ort der Naziparteitage und späteren Kriegsverbrecherprozesse. Hier wird Filmschauspielerin Lotte Lange ermordet, Geliebte eines hochrangigen SS-Offiziers und Stern am deutschen Kinohimmel. Weil die Ermittlungen schwierig sind, veranlasst Reichspropagandaminister Goebbels, dass ein Sonderermittler aus Berlin sich der Sache annimmt.

Einer gegen alle

Doch auf den Ermittler Adolf Weissmann wird im Zug nach Nürnberg ein Anschlag verübt. Der Jude Rubinstein, eigentlich auf dem Weg nach Wien, um von dort eine Ausreise nach Palästina zu versuchen, wird von einem SS-Offizier im Zug für Weissmann gehalten und ins Gestapo-Hauptquartier mitgenommen. Dort soll er die Ermittlungen zur Aufklärung des Mordes an Lotte Lange leiten. Was Rubinstein nicht ahnt: Adolf Weissmann ist gar nicht tot, sondern ihm dicht auf den Fersen…

Nach der Idee zu dieser Geschichte befragt, sagt Alex Beer, dass es ihrer Meinung nach wohl die größte Herausforderung für einen Helden überhaupt sei, es nicht nur mit einem Gegenspieler, sondern mit einer ganzen Organisation zu tun zu haben. Einer gegen alle, daraus erwächst größtmögliche Spannung, dabei muss der Held sich weiterentwickeln, um der Bedrohung gewachsen zu sein.

Juden wurden systematisch erfasst

Für jemanden, der es als jüdischer Mitbürger im Jahr 1942 mit den Nazis aufnehmen wollte, trifft das sicher zu: 1942 war das Jahr der Wannsee Konferenz, auf der die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Schon zuvor setzten die Nazis alles daran, die jüdische Bevölkerung zu vernichten. Juden wurden systematisch erfasst und mit dem gelben Stern an der Kleidung und im Reisepass gekennzeichnet. Sie durften nur in bestimmten Geschäften einkaufen, keine Zeitungen beziehen, ihre Lebensmittelrationen wurden gekürzt – sofern sie nicht ohnehin bereits deportiert worden waren. In Berlin, so haben Historiker ermittelt, lebten damals von den ehemals 200.000 Menschen jüdischen Glaubens nur noch rund 30.000.

Inwiefern es in dieser Situation zu einer Verwechslung eines auf der Flucht befindlichen Juden und eines Nazi-Sonderermittlers hätte kommen können oder nicht, müssen die Krimifans nun selbst ermitteln. Auf der Kronendiele gibt es für die Lesung freundlichen Applaus.

Von Elke Schneefuß