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Miriam Semrau fragt, Mick Herron (Mitte) antwortet mit Humor, Sprecher Sebastian Dunkelberg wartet auf seinen Einsatz. Foto: t&w

Jackson Lamp kehrt zurück

Lüneburg. Wer je zum britischen Geheimdienst gehörte, verrät nichts, und wenn er etwas zu verraten scheint, legt er falsche Fährten. Das heißt, Mick Herron hat sich alles, wirklich alles ausgedacht, was das erfundene Londoner Agenten-Team seiner Krimireihe um Chefermittler Jackson Lamb im ebenfalls fiktiven Slough-House beschäftigt, einer Dependance des im Regent’s Park ansässigen Hauptquartiers des MI5.

Mit erfrischendem Humor gab der englische Krimi-Autor dies auf Fragen der entspannten Moderatorin Miriam Semrau anlässlich seiner Lesung im voll besetzten Gesellschaftshaus der Psychiatrischen Klinik freimütig zu. Allerdings habe er einmal ein ehemaliges Mitglied des Geheimdienstes getroffen, das ihm beteuert habe, seine Jackson-Lamb-Geschichten kämen der Wirklichkeit sehr nahe.

„Dead Lions“, 2015 in London erschienen, ist der jüngste ins Deutsche übersetzte Roman der 2008 begonnenen, mittlerweile acht Bände umfassenden, in England sehr beliebten und bereits mehrfach mit Preisen bedachten Lamb-Serie, und er wird gerade verfilmt. Durch diesen Film sei ihm die Struktur des Plots erst so richtig aufgegangen, scherzte Herron. Denn als er das Buch schrieb, war ihm zwar klar, worum es gehen sollte, jedoch machten sich die Charaktere rasch selbstständig und entwickelten sich und die Story quasi wie von selbst weiter.

Am Anfang standen langsame Pferde

Seit Lambs erstem Fall „Slow Horses“, 2018 auf Deutsch erschienen, in dem Herron das Team als lahme Gäule beschreibt, die aufgrund von Versagen und einer ansonsten mysteriös bleibenden Auslese aus der Zentrale in das Slough House abgeschoben wurden, ermittelt jeder auf seine Art, allein oder in Allianzen, so auch in „Dead Lions“. Meist hat die intelligente Schar um den rüden, ehemals zuzeiten des Kalten Krieges als Spitzenagent gefeierten Lamb, den nur scheinbar blassen River Cartwright oder die coole Catherine Standish (zwei Lieblingsfiguren Herrons) kaum Wichtiges zu tun, doch plötzlich liegen Verfolgungsjagden, Bespitzelungen und international bedeutsame Recherchen an. Mit Raffinesse und begleitet von ausführlichen Charakterisierungen verwebt Herron eine Fülle von Handlungssträngen.

Der Autor, der seit drei Jahren hauptberuflich schreibt, ködert seine Leser nicht nur mit spitzfindigen Details, die seine eigenwilligen Agenten immer deutlicher konturieren, sondern vor allem, indem er um das Gesponnene oft an den spannendsten Momenten unterbricht. In feinstem Oxford-Englisch las Mick Herron selbst aus „Dead Lions“, überließ andere Abschnitte dem Schauspieler und Hörbuchsprecher Sebastian Dunkelberg, der die Schauplätze und Atmosphäre mitreißend lebendig machte.

Grobmaschige Charakterisierung

Die im Kern hochpolitische Spionage-Story dreht sich um einen russischen Superagenten, eine vergifteten englischen Agenten der zweiten Liga, um russische so genannte „Schläfer“, die unverhofft Katastrophen verursachen könnten, und viel mehr. Der rote Faden entrollt sich langsam aber stetig, die Spannung steigt, Cliffhanger machen nervös. Herrons Sprache (und deren Übersetzung) ist vielschichtig, der Literat formuliert hintergründig, humorvoll, bildet dabei auch mit Ausdrücken weit jenseits der feinen englischen Art den Alltag Frustrierter ab, die oft Niederlagen wegstecken müssen.

Lamb selbst ist bekanntlich nicht der Appetitlichste. Auch durch die grobmaschige Charakterisierung dieser (wie die anderen Figuren von Band zu Band präsenter werdenden) Person deckt Herron Gründe dafür auf, weshalb große Organisationen wie der MI5 eher scheitern als kleinere, warum die Slow Horses dort gelandet sind, wo sie jetzt sind, und so geworden sind, wie Herron sie darstellt. Und Erfolg haben. Genau mit diesem Stoff sei er noch lange nicht fertig. Der neunte Fall ist in Arbeit.

Von Antje Amoneit