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St. Johannis
Eng wurde es im Altarraum der St. Johanniskirche bei dem intensiven Brahms-Programm mit dem ensemble reflector und der Johanniskantorei. (Foto: phs)

Präzise und ausdrucksvoll

Lüneburg. Dem Schlusston folgte in der gut besuchten Johanniskirche minutenlanges Schweigen. Dann erst flammte enthusiastischer Beifall auf, der Dank eines von der eben verklungenen, zutiefst anrührenden Aufführung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms überwältigten Publikums. Zuvor hatte Kirchenmusikdirektor Joachim Vogelsänger Brahms‘ Schicksalslied op. 54 dirigiert: Die perfekt ausbalancierten und emotional außerordentlich intensiven Interpretationen beider vokalsinfonischen Werke bezeugten höchstes, beispielhaftes musikalisches Niveau. Die einzigartigen Aufführungen waren das wunderbare Ergebnis wochen- und monatelangen Probens mit der großen Johannis-Kantorei, die präzise, feinfühlig und ausdrucksvoll intonierte, in ästhetischem Zusammenwirken mit den beseelt singenden Solisten Julia Henning (Sopran) und Hinrich Horn (Bass) sowie dem nicht minder grandios aufspielenden ensemble reflektor.

Funktion als Trost- und Trauermusik

Dynamisch temperamentvoll widmete sich der rund 80 Stimmen starke Chor dem Schicksalslied op. 54 von 1871, einer weltlichen Kantate für Chor und Orchester, die die Leiden eines griechischen jungen Helden der Antike nachvollzieht, der sich Natur, Menschen- und Götterwelt glücklich vereint herbeiwünscht. Vogelsänger sorgte für eine kontrast-, farben- und bildreiche Ausdeutung, die möglichst nah an Wortschöpfung und Inhalt des am Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen Textes von Friedrich Hölderlin blieb. Das ensemble reflektor ergänzte durch eine eigenständige berauschte wie besinnliche Klang­ästhetik und vitale Spielweise den sensibel abgestuften Chorklang.

Johannes Brahms duldete den schlichten Titel „Ein deutsches Requiem“, der sich auf die deutsche Sprache des aus Lutherbibel-Zitaten zusammengesetzten Librettos bezieht, bei der Drucklegung seines dramatischen Werkes für Chor, zwei Solisten und Orchester. Doch er war damit nie recht zufrieden. Ihm fehlte ein Verweis auf die Funktion als Trost- und Trauermusik für Hinterbliebene, er habe sie, wie er schrieb, „vollendet als Seligpreisung Leidtragender“. Der Komponist selbst fand Trost in dieser besonderen musikalischen Auseinandersetzung mit dem Tod, die auf die lateinische Liturgie der althergebrachten katholischen Totenmesse verzichtet. Er arbeitete jahrelang an seinem stark von einer romantischen Grundhaltung geprägten Werk.

Bläser, Streicher, Pauke und Harfe setzen tolle Akzente

Die enorme Bandbreite der Textinhalte bewältigte die Kantorei stimmgewaltig und klangflexibel. Zwischen üppiger opernhafter Dramatik mit wogenden dynamischen Steigerungen („Hölle, wo ist Dein Sieg!“) über das Schwelgen in furiosem Freudentaumel und das Deklamieren großer Fugen spannte der Chor den Bogen, bis hin zum sanften Schwebenden im Schlusssatz „Selig sind die Toten“.

Faszinierend akkurat und klangschön begleitete das junge, im Stehen (soweit es das Instrument erlaubt) musizierende ensemble reflektor, das immer wieder Themen und Melodien aufblühen ließ und mit hochexpressiven Streicher- und Bläsereinsätzen, Pauke und Harfen bestechende Akzente setzte.

Der kultivierte Bassbariton Hinrich Horns verkörperte hautnah den Zweifel, die Angst und das bange Fragen des einzelnen Menschen, während der glockenhelle, durchdringende und dennoch sehr zart wirkende Sopran Julia Henning bei den schlicht und sehr innig gesungenen Zeilen „Ihr habt nun Traurigkeit“ zu Tränen rührte. Die hohe Kunst, die die eindringlichen musikalischen Auslegungen durch Chor, Orchester und die Gesangssoli unter Joachim Vogelsänger auszeichnete, lassen diese fantastische Darbietung des Deutschen Requiems lange in Erinnerung bleiben.

Von Antje Amoneit