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Antje Deistler befragte Simon Beckett (Mi.) zu seinem neuesten Werk, und Schauspieler Johannes Steck intonierte einige Passagen. Foto: phs

Auf der Body Farm fing alles an

Lüneburg. Ein Dinner bei den Becketts kann reichlich morbide sein. Denn oft sitzt Simon Beckett mit seiner Frau am Küchentisch und ersinnt Dialoge und Details für seinen Protagonisten David Hunter. Manchmal, so erzählt der britische Erfolgsautor auf der Bühne im Kulturforum Gut Wienebüttel, seien auch witzige Ideen dabei, aber meistens geht es in Becketts Büchern richtig gruselig zu. „We do not often have dinner guests. Wir haben nicht oft Gäste zum Essen“, übersetzt Antje Deistler, und Beckett grinst verschmitzt.

Als das „Highlight der Highlights“ hatte Jan Orthey, Inhaber von Lünebuch und Organisator des bereits zehnten Lüneburger Krimifestivals, den Briten, der in diesem Jahr mit dem Ripper Award, dem europäischen Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet wurde, angekündigt. In mehr als 30 Sprachen übersetzt, seien seine Bücher um den forensischen Anthropologen David Hunter in Deutschland „besonders beliebt und bekannt“, so Antje Deistler.

Hochkomplexe Mixturen aus Gerüchen – von Leichen

Und bevor die Expertin für Krimiprosa dem Autor die eine oder andere Antwort entlockte, stellte sie klar: „Bevor wir von Simon Beckett wissen wollen, wie es kommt, dass er Verwesungsprozesse so sinnlich, wissenschaftlich genau und detailverliebt beschreiben kann, stelle ich fest: Sie kaufen seine Bücher und nehmen sie mit ins Bett.“

Die Idee zu seiner Hunter-Serie bekam Beckett auf der Body Farm in Tennessee, die er vor Jahren besuchte. „Das hat mein Leben verändert“, berichtet er. Auf dem riesigen Freiluftgelände der Universität Tennessee erforschen Pathologen und forensische Anthropologen, unter ihnen auch Experten des FBI, den Verwesungsprozess von menschlichen Leichen. Und der hat auch viel mit hochkomplexen Mixturen aus Gerüchen zu tun. „Scent of Death“, Geruch des Todes, heißt Becketts sechster Band deshalb auch im englischen Original. Unter dem Titel „Die ewigen Toten“ erschien er auf Deutsch, Schauspieler Johannes Steck gibt dem englischen Wissenschaftler seine deutsche Stimme. Und was für eine Stimme! Steck hat sämtliche Beckett-Hunter-Bücher als Hörspiele eingelesen, ein Genuss für das Ohr.

Dabei, so sinnierte Deistler, sei es der Geruchssinn, der vielleicht am stärksten ausgeprägt sei, aber oft vergessen werde. Denn mit Gerüchen sind Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen verknüpft, die eine starke Reaktion auslösten.

Beckett holt Hunter aus der Komfortzone

Gerüche der Vergangenheit spielen für Hunter und die anderen Experten in „Die ewigen Toten“ eine entscheidende Rolle, denn der neueste Fall spielt in dem verlassenen und verfallenen ehemaligen Krankenhaus St. Jude Blakenheath im Norden Londons. Hier entdeckt das Team nahezu perfekt mumifizierte und „arrangierte“ Leichen, deren „scent“ so prägnante Hinweise liefern, dass „selbst die Suchhunde keine Motivation mehr haben, weiterzusuchen“. Er wollte seinen Hauptprotagonisten Hunter aus dessen „comfort zone“ holen, erklärt Beckett. Das ist ihm gelungen. Auch bleiben einige Handlungsstränge, die Beckett-Dauerleser seit dem ersten Band verfolgen, offen. Beckett sagt, dass er seinen zurückhaltenden, manchmal innerlich zerrissenen Hunter mag und ihn so schnell nicht sterben lassen will. „I am still enjoying writing.“ Er wird also weiter mit seiner Frau am Küchentisch sitzen und nicht nur dinieren.

Von Silke Elsermann