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Kantor Henning Voss dirigiert die Kantorei St. Michaelis und die Camerata Hamburg. Foto: be

Niederstürzende Gewalten

Lüneburg. Hunderte Komponisten haben den Requiem-Text vertont, von Ockeghem über Bruckner, Fauré und Gounod bis Ligeti und Lloyd Webber. Aber gerade mal rund ei ne Handvoll Werke hat sich in Kirche und Konzerthaus als Bestseller behauptet. Anderen voran sind das die Werke von Mozart, Berlioz, Verdi, Britten und Brahms, obwohl der ja in seinem „Deutschen Requiem“ gar nicht den katholischen Messetext nutzte. Das Verdi-Requiem erklang nun in der völlig ausgebuchten Michaeliskirche und wurde von Henning Voss zu einem eindringlichen, im Kern berührenden Erlebnis geführt.

Ein musikalischer Höllensturz

Kirchenmusiker würden gern öfter aus dem Best-of ausbrechen, zum Totensonntag ebenso wie zu Weihnachten, wo auch in desem Jahr nichts ohne Bachs „Jauchzet frohlocket“ geht – am 21. Dezember in St. Johannis. Das Ausbrechen aus dem Gewohnten kommt die Kirchen oft teuer zu stehen, wenn das Publikum ein Programm nicht wie erhofft annimmt. Orchester und Solisten wollen bezahlt sein.

Hinzu kommt, dass der Großteil des Publikums die vertrauten Werke gern häufiger hört – und die Kantoreien fühlen sich dort auch wohl. Dieses Verdi-Requiem, von der Kantorei bezwingend gut gesungen, geflüstert und bei Bedarf in vielfachem Fortissimo regelrecht geschrien, wäre aber fast nicht aufgeführt worden.

28 Stunden vor dem Konzert bekam Julia Henning einen Anruf: Kannst du einspringen? Die gebuchte Mezzosopranistin war indisponiert, und die Partie ist zentral im Werk. Julia Henning hatte für den Konzertabend eigentlich Karten für Herbie Hancock in der Elbphilharmonie, aber nun eine Partitur in der Hand, die sie nie zuvor gesungen hat. Es ist schon sensationell und so waghalsig wie professionell, wie sich die in Lüneburg lebende Sängerin trotz extrem wenig Zeit zum Einstudieren in die Aufgabe hineinfand. Sie rettet den Abend mit einem gekonnt ausbalancierten, Gefühl und Dramatik beherrschenden Vortrag.

Leise Töne und Innehalten

Berühmt und populär ist das Verdi-Requiem für die bildhaft niederstürzenden Gewalten im „Dies irae“. Verdi fügt diesen musikalischen Höllensturz effektsicher wiederholt in den Lauf der musikalischen Dinge ein. Chor und Hamburger Camerata machen dabei, von Henning Voss befeuert, als große Einheit mächtig Alarm. Opernmann Verdi steckte hier all sein Können hinein. Mehrfach bekommt das Werk szenisch-plastischen Charakter, auch bei den Raumwirkungen der Trompetenfanfaren. So gesehen und gehört, wirkt das Requiem wie eine Essenz seines Opernschaffens. Doch öffnet der Agnostiker Giuseppe Verdi auch spirituelle Räume. Es sind die leisen Töne und das Innehalten, die dem Abend Nachhaltigkeit verleihen.

Das geschieht schon am Beginn mit dem flüsternden Chor und endet mit dem Gebetston, den zum Ende hin Sopran Sabine Schneider zu Herze gehend schön und sensibel singt. Als Herzstück kann auch das „Agnus Dei“ gelten, das Schneider und Julia Henning in klanglicher, farbenreicher Einheit mit Innigkeit füllen.

Donnerhall trifft auf schlanken Ton

Wie auch unterschiedlich angelegte Stimmen zusammenpassen können, das ist an diesem Abend auch zu erleben. Tenor Martin Homrich legt oft mit – manchmal schon zu viel – Donnerhall los, er kann natürlich auch anders. Bass Daniel Grice setzt einen schlanken, emotionalen Ton hinzu. Es ist nicht leicht für den Dirigenten, das Männer-Duo und das Solistenquartett in den unterschiedlichen Kombinationen zu einer Einheit zu führen. Aber es gelingt ihm hier tatsächlich.

Am Ende muss jeder entscheiden, ob Verdi so etwas wie eine Erlösungshoffnung in seine Totenmesse einfügt –oder ob sein Requiem in ein dunkles Nichts gleitet. Das Publikum reagiert auf das Erlebte mit langem Schweigen, bis ausdauernder Beifall zurückführt ins Hier und Heute.

Auch Best-of-Werke müssen von den Ausführenden immer neu erobert werden. Es besteht eine aus Erfahrung gespeiste Erwartung, aber keine Garantie, dass dies den großen Lüneburger Kantoreien gelingt, dass sie zudem mehr als ein Konzerterlebnis bieten. Das ist in St. Michaelis Kantor Henning Voss, seinem Chor, dem Orchester und den Solisten eindrucksvoll gelungen.

Von Hans-Martin Koch