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Philip Richert und Mira Teofilowa präsentieren Chansons von Georg Kreisler und Thomas Pigor. Foto: t&w

Das Hitler-Bärtchen klebt nicht

Lüneburg. Philip Richert singt und der Saal ist leer. Das wird in den kommenden Wochen und Monaten nicht der Fall sein. Richert hat einen neuen Liederabend, aber nicht als abtakelnde Diva Lulu Mimeuse. Die ist zur Kur. Diesmal tritt Richert mit gestriegeltem Haar auf, mit Kurzkrawatte und braunem oder zumindest braun wirkendem Anzug. Er schnarrt das „rrr“, bringt etwas Nasales in den Klang und fordert „Geben Sie acht!“ Am Klavier sitzt Mira Teofilova und greift manchmal singend ein. Der Saal ist leer, denn es ist zwölf Uhr mittags: Generalprobe.

Gerade haben Richert/Teofilova für Andreas Tamme, den Theaterfotografen, ein paar Lieder angesungen. „Vielleicht noch etwas mit dem blauen Licht.“ Tamme umkreist die Künstler auf der Bühne, sucht Perspektiven aus dem Saal. Fertig. Umziehen, die Kostüme werden für die Premiere geschont. Fünf Minuten Zeit bis zur Generalprobe.

Gesellschaftspolitische Attacke

„Geben Sie acht!“ ist ein Programm mit Chansons von Georg Kreisler und Thomas Pigor. Politisch, scharf, böse, provozierend und immer wieder verdammt aktuell. Kreisler (1922-2011) und der 1956 geborene Pigor sind Meister des schwarzen Humors und der gesellschaftspolitischen Attacke. Bei beiden bilden das Unterhaltende und das Unbequeme eine Einheit.

Ganz leer ist der Saal bei der Generalprobe denn doch nicht. Marco Wenzig schaut genau hin. Er ist der Mann für Kostüme und für die Bühne, die von zwei Gemälden gerahmt wird. Auf dem einen eine Taube, mit deren Frieden es nicht sehr weit her ist. Denn Kreislers böser Hit „Tauben vergiften“ gehört zum Programm. Auf dem anderen Bild will ein angriffslustiger Hund auf den Saal losgehen. Hinter dem Hund im Dämmer hält ihn ein Mann, dem man nicht begegnen möchte.

Licht muss neu programmiert werden

Noch einer schaut genau hin: Thomas Schulz kennt jede Schraube im T.NT, er fährt das Licht und bekommt am Ende noch Arbeit. Richert und Teofilova kürzen das Programm um zwei Nummern, bauen das Ende um. Drum muss auch das Licht neu programmiert werden.

„Mach‘s noch etwas zickiger“, bittet Richert mal die Pianistin, die ihn als „Katze aus Bulgarien“ seit Lulu-Mimeuse-Tagen begleitet. Ein Finale wird noch auf den akkordscharfen Punkt gebracht. Es sind Kleinigkeiten, die Generalprobe läuft rund. Moderationen deutet Richert einen Tag vor der Premiere nur an: „Dann sag ich hier was zur Liebe – oder auch nicht“. Richert braucht bei allem straffen Proben Freiraum fürs Spontane. Garantiert aber wird er das von Thomas Pigor erfundene Namensreflexverfahren einführen. Mit ihm wird das Publikum analysiert.

Rezept der ewigen Liebe

Entstanden ist ein Abend für das berühmte Lachen, das im Halse stecken bleibt. Manchmal gibt es gar keinen Raum für den Witz: Kreislers „Der Ausländer“ zeigt auch nach 55 Jahren, wohin es führt, wenn Angst für Deutschland geschürt wird. Bei Pigors „Hitler“ prallt das Böse dann wieder voll aufs Komische. Das Hitler-Bärtchen will bei der Generalprobe noch nicht richtig kleben. Kein Problem.

Die Liebe wird natürlich auch besungen samt der Feststellung: „Sex is a wonderful habit“. Zu Wort kommen „Maulende Rentner“, die Frage „Was willst du denn in Wien?“ wird gestellt, und in „Bidla Buh“ verrät ein Frauenmörder sein Rezept der ewigen Liebe. Ja ja, es sind nicht nur Tauben, die vergiftet werden.

Die nächsten Vorstellungen: Sonnabend, 30. November (ausverkauft) und am 10. Dezember (noch Karten), 20 Uhr, T.NT

Von Hans-Martin Koch