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Bernd Uhde vor Bildern seines „Black Albums“, die ins Herz der Kohle führen. Foto: oc

Hommage an die Kohle

Eitzen I. Die Arbeitsweise ist spektakulär. Der Fotograf Bernd Uhde steht auf den Kufen eines Hubschraubers, von Gurten gehalten, beugt den Oberkörper vor, hält die Kamera senkrecht nach unten und entdeckt die Erde neu. Plötzlich erscheint sie wie Malerei aus der Vogelperspektive, verblüffend und voll von visuellen Überraschungen. Aber nichts ist geschönt, kein Photoshop, sondern alles Natur oder das, was von ihr blieb. „Mich interessieren die Spuren, die der Mensch hinterlässt“, sagt Uhde. Für sein „Black Album“ flog der Fotograf über das wüste Braunkohlerevier der Lausitz, über den Braunkohletagebau Garzweiler und Erzlager in Hamburg. Jetzt ist das Buch mit der Bronzemedaille des Deutschen Fotobuchpreises ausgezeichnet worden, es wird nun international präsentiert.

Abenteurer-Gen wird mit der Kunst vereint

Der 69-Jährige hat in Düsseldorf und Berlin Kunst, freie Malerei und Film studiert, arbeitete in Berlin als Filmemacher, brach mit seinem Leben. Ein Jahr zog er mit seiner Frau zu Pferde durch Neuseeland, danach war kein Leben in der Großstadt mehr möglich. Bernd und Tina Uhde restaurierten auf dem Land hinter Lüneburg ein großes Niedersachsenhaus, leben auf einem Hof mit Freunden, Hunden, Katzen, Hühnern, Pferden, Zwergschwein – ein Idyll.

„AirRealArt“ nennt Uhde seine Kunst, in die er sein Abenteurer-Gen einbringt. Wenn er in den Hubschrauber steigt, hat er ein Thema, aber keinen Plan. Er weiß nicht, was entsteht. Er weiß, wohin er will, aber nicht, was ihn konkret erwartet. Das ahnt er nur. Er schaut senkrecht nach unten, verlässt sich auf Intuition und Erfahrung – und wertet seine Aufnahmen schnell aus. „Ein Bild muss funktionieren, sonst ist es gleich weg“, sagt Uhde.

2014 hat Uhde ein „White Album“ herausgebracht. Dafür hat er in seiner Wohnumgebung Texturen in Schneelandschaften gefunden, Vogelspuren, einen schneegefüllten Pool, zarte Lineaturen von Geäst und Geflechten, Tupfer von Farbe. Die Natur und die Spuren der Menschen erschienen wie poetische, impressionistische Malerei. Das Buch wurde zum Deutschen Fotopreis nominiert.

Fotos wirken wie Landschaftsmalerei

Nun das thematisch weit härtere „Black Album“. Bernd Uhde sieht es als eine Hommage an die Kohle an – bei allem Wissen um die Belastung der Umwelt, die Zerstörung der Natur. „Wir verdanken der Kohle unseren Reichtum“,sagt er. Die Fotografien, die Uhde aus Höhen von gut 100 bis 300 Metern mit einer extrem hochauflösenden Nikon aufnimmt, besitzen einen unmittelbaren ästhetischen, verwirrenden, sinnlichen Reiz aus Kraft und Stille.

Zu sehen sind mal geometrische, dann scheinbar amorphe, aber rhythmisiert wirkende Formen. Und Farbfelder: viel Grau, Schwarz und Braun, auch rostiges Eisenrot, warmes Gelb, kaltes Blau. Motive können aus der Ferne aussehen wie Pulloverstrick. Man muss nah an die Bilder ran, denn tatsächlich zeigt Uhde umgestülpte, wulstige Erde, Flöze, Sandberge, Abraumhalden, Spurenknäuel gigantischer Maschinen. Dieses Spiel mit dem Widersprüchlichen von schöner Anmutung und schnöder Realität macht Uhdes Kunst aus. Der Betrachter sieht die Bilder plastisch, sieht Horizonte hinein, wo keine sein können. Die Aufnahmen erscheinen häufig wie abstrakte pastose Landschaftsmalerei. „Es ist wohl das Malerischste, das mir gelungen ist“, sagt Uhde. Es sind keine Menschen auf den Bildern zu sehen, aber alles ist Menschenwerk.

Das „Black Album“ ist als großformatiger Band bibliophiler Schönheit gestaltet, erschien in der Edition Kunstarchiv der Sparkassenstiftung Lüneburg bei seltmann + söhne, 120 Seiten, 39 Euro. Es wurde in der Kategorie „Coffee Table Book“ mit dem Deutschen Fotopreis ausgezeichnet. Im Februar folgt eine Ausstellung in der Hamburger Galerie Holthoff-Mokross.

Von Hans-Martin Koch