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Autor Albrecht Selge im Gespräch mit Julia Wenzel von der Leuphana. Foto: t&w

Unterwegs ohne Motiv

Lüneburg. Im ersten Anlauf klingt es verlockend: Mit der Deutschen Bahn durch das ganze Land zu fahren, die Bahncard 100 immer griffbereit, ständig auf Erkundungstour. Dass ein solches Leben aber auch in die Irre führen kann, weil es anstrengend und letztlich womöglich auf Dauer sinnlos ist, das entdeckt man erst auf den zweiten Blick.

Die Erzählerin in Albrecht Selges dritten Roman „Fliegen“ gehört zu den Menschen, die einen ICE zu ihrem Zuhause gemacht haben. „Solche Fälle gibt es tatsächlich, es gibt Leute, die so leben. Im Grunde ist das eine Form von versteckter Obdachlosigkeit“, sagt der Autor. Ein Leben, das nur noch aus der Aneinanderreihung von Bahnhöfen besteht, ist das erstrebenswert? Kleine, tägliche Verrichtungen wie die Wäsche zu waschen und anschließend zu trocknen werden zum Problem, gesunder Nachtschlaf auch, insbesondere, wenn es einem wie der Erzählerin in Selges Roman ergeht: Die Frau, von der hier die Rede ist, besitzt nach einer Kündigung keine Wohnung mehr.

Der Rausch des Fahrens

Aufgrund ihrer mickrigen Rente hat sie auch wenig Aussicht darauf, eine neue Wohnung zu finden – so lässt sie sich auf ein Leben ein, das trotz seiner auf Anhieb irgendwie reizvoll und originell wirkenden Gestaltung auf Dauer eine Zumutung sein kann. Auf ihrer immer gleichen Route trifft die Frau im Laufe der Woche häufig die gleichen Menschen. Pendler, denen sie extra eigene Namen gibt, mit denen sie teilweise sogar einen bescheidenen Sozialkontakt pflegt.

Ansonsten beobachtet sie die Vögel am Himmel, sie gibt sich ihren Erinnerungen hin oder liest – alles, was andere Leute in der Bahn zurücklassen, von Hölderlin bis Hera Lind. Falls sie den Zug tatsächlich einmal verlässt, dann nur, um auf dem Bahnhofsvorplatz billige Nahrung zu kaufen oder Flaschen zu sammeln. Selbst auf das geringe Entgelt für weggeworfene Pfandflaschen ist sie angewiesen. Einen geregelten Lebenswandel von der Art, wie die meisten von uns ihn kennen, hat die Erzählerin nicht, ihr geht es darum, den Rausch des Fahrens zu erleben, die Landschaft vorbeiziehen zu sehen und in ihren endlosen Strom der Gedanken einzutauchen.

Die endlose Reise bringt auch Verluste

Nur die berühmten „Unfälle mit Personenschaden“ stören ihre Routen, ansonsten ist unterwegs zu sein das Programm. Im ICE gibt es keine Jahreszeiten, viele kleine alltägliche Notwendigkeiten entfallen. Und doch, die endlose Reise bringt auch Verluste: Welche Zukunftsperspektive hat ein Mensch, der auf Dauer eingesperrt ist in einer Blechdose, die mit mehr als 200 km/h durchs Land fliegt?

Über die Motivation der Hauptfigur hätten die Zuhörer an diesem Abend vom Autor sicherlich gern noch ein etwas mehr gehört. Selge verweist vor allem darauf, dass die von ihm geschilderte Existenz möglich ist: „Wenn auch nur unter verschärften Bedingungen.“ Letzteres ist sicher richtig, und doch bringt es einem die Erzählerin dieser Geschichte nicht zwingend näher. Auch wenn Moderatorin Julia Wenzel von der Leuphana Universität behutsam und freundlich versucht, dem Autor ein wenig mehr über seine Hauptperson und seine Motive für diesen Roman zu entlocken: hinter dem Warum und Wozu dieser Reise bleibt in diesem Fall ein Fragezeichen.

Von Elke Schneefuß