Donnerstag , 5. Dezember 2019
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Die Stimmakrobaten Naturally 7 sind mit vollem Körpereinsatz dabei, wenn sie ihre Songs inszenieren soals ob sie eine Band unterstützt. Foto: t&w

Diese Band braucht keine Band

Adendorf. Es ist kein Stromausfall, als plötzlich im vollbesetzten Castanea Forum das Licht ausgeht. Das wird schnell klar, als auf der Bühne jemand mit einer Taschenlampe Lichtbahnen zieht und leise „SoS – Is there anybody out there“ anstimmt. Nach und nach tauchen weitere Taschenlampen-Stimmen auf – bis „Naturally 7“ vollzählig sind. Erst als die Scheinwerfer wieder angehen, wird klar, dass da gerade tatsächlich nur Sänger performen und kein einziges Instrument auf der Bühne im Einsatz ist. Unglaublich, kein Keyboard, kein Schlagzeug, kein Bass, keine Trompete und doch sind all diese instrumentalen Soundtracks dabei, wenn die A-Capella-Götter Coversongs und Eigenkompositionen präsentieren.

Schnell springt der Funke der Musikalität über aufs Publikum, und es stimmt ein, wenn ein bekannter Refrain wie „Oh Lord“ des Phil-Collins-Hits „Feel it in the Air tonight“ auftaucht. Die Sieben aus New York sind in Bestform, haben schließlich etwas zu feiern, wie Frontman Roger Thomas erzählt: ihr 20-Jähriges, 1999 haben sie sich gegründet. Alles fing an im Gospelchor der Kirche. Als Roger eines Tages ein Instrument mit seiner Stimme nachmachte, kam das so gut an, dass auch andere Spaß am Fake hatten und schließlich sieben Mundinstrumente beisammen waren. „Klingt das wie eine Band“, fragten sie ihr Publikum und ein begeistertes „Yeah“ war der Grundstein für ihre Karriere, die sie um die ganze Welt führte – mit Stars wie Michael Bublé und Coldplay.

Tanzend, springend, hüpfend

Mit den Jahren gab es einige Neubesetzungen, aber Tenor Roger Thomas und sein Bruder Warren, der begnadete „Drummer“, sind von Beginn an dabei. Sie alle lieben es, mit ihrer Musik die Menschen glücklich zu machen, versichert Roger Thomas und man nimmt es ihm und seinen Kollegen ab, wenn sie auf wahnsinnig feinfühlige Art tanzend, springend, hüpfend ihr Programm zelebrieren. Einziger Wermutstropfen sei, dass sie immer sehr lange ohne ihre Familien auskommen müssen. Daher liegt ihnen der Song „Going home“ besonders am Herzen. Videoeinblendungen im Hintergrund zeigen die Künstler beim Kofferpacken und wie sie zu Hause von ihren Liebsten stürmisch umarmt werden.

Überhaupt wird es nie langweilig während der rund zweieinhalbstündigen Show. Videoclips vom Mauerfall, von Luftschlössern, von Postkarten des „English man in New York“ ergänzen die Songs perfekt. Auch kleine Interviews und Anekdoten lockern die Atmosphäre in dem nüchternen Konzertraum. Als auf die Frage „Sind Sie das erste Mal bei uns“ viele Finger hochgehen, kommt prompt ein entrüstetes „Ja, wo waren Sie denn, aber egal, schön, dass Sie heute hier sind“. Der Humor wird mit herzlichem Gelächter belohnt. Was nicht so gut ankommt, ist die Beleuchtung, denn zumindest im Mittelfeld klagen Zuhörer über blendende Scheinwerfer.

Eine Zugabe ist fällig

Kurz vor der Pause kündigen sie einen besonderen Gast an: die Lüneburger Nite Club-Sängerin Sandy Edwards. Sie interpretiert im schillernden Etuikleid im Duett mit Bariton Dwight Stewart „Hello“ von Adele und erntet tosenden Applaus.

Mit „Instrumenten-Soli“ – Schlagzeug, Trompete, Posaune, Bass – wird der zweite Teil eingeläutet, Songs wie „Do your thing“, „Solos“ folgen und bei „Rivers of Babylon“ und einem Simon & Garfunkel-Medley gibt es kein Halten mehr auf den Stühlen, rhythmisches Klatschen, Swingen und ein happy Groove wogen durch den Saal. Klar, eine Zugabe ist fällig. Vor dem Pop-Rocksong „You’re the voice“ (John Farnham) gibt‘s aber noch den Appell miteinander zu reden, um Konflikte auszuräumen und stets seine Stimme zu erheben – sonst könnte es mit einem falschen Präsidenten enden. Mit dem legendären Queen-Song „Galileo“ beweisen die Stimmakrobaten, dass sie mehr sind als eine A-Capella-Gruppe, Vocal play ist ihr Ding – „eine Band ohne Band“, wie sie sich selbst gern bezeichnen.

Von Dietlinde Terjung

Hintergrund

Neuorientierung in Sachen Kulturveranstaltungen

Dass diese weltberühmten Vocal-Artisten auch Adendorf in ihren Tourneeplan aufgenommen haben, ist den Veranstaltern Sandy Edwards und Matthias Lutz zu verdanken. Das musikalische Duo – unter anderem in der Band Nite Club aktiv – hatte zehn Jahre lang kulturelle Veranstaltungen auf Gut Bardenhagen organisiert. Stars wie Joy Flemming, Torsten Sträter, Christoph Maria Herbst und auch Naturally 7 in den Arkadensaal des Hotels geholt. Doch diese Location steht nach einem Besitzerwechsel nicht mehr zur Verfügung. Mit dem Auftritt des Kabarettisten Andreas Rebers am 22. November endete die Ära. Als Naturally 7 Lutz nach einem Veranstaltungsort fragte, kam das neue Castanea Forum ins Spiel. Ob der moderne Konferenzsaal genaus so gut angenommen wird wie der Gutshof, müsse sich zeigen. Naturally 7 hat jedenfalls für ein volles Haus gesorgt, die 400 Karten waren schnell weg.